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Geistliches WortPlaudern

Was wäre ein Tag ohne Teckboten! Vergangenen Montag hatte ich frei, also konnte ich es mir besonders gemütlich machen bei der Zeitungslektüre. Leider sind unsere Zeiten nicht so, dass da viel Erbauliches zu lesen wäre. Doch dann entdecke ich zwischen alarmierenden Beiträgen zum Klimawandel, zu politischen Morden, zu Rechtsextremismus und Antisemitismus oder zum Konflikt in Nahost eine kurze Notiz, betitelt mit: „Plaudern über Bibeltexte“. Da bleibt mein Blick hängen. Das interessiert mich. Schon von Berufs wegen. Was verbirgt sich dahinter? Wo kann man über Bibeltexte plaudern? Sind sie doch für mich - im Gedanken an die nächste Predigt - eher mit Mühe verbunden. Auch wenn Sie das alles gar nicht interessieren sollte, dann können Sie vielleicht nachvollziehen, wie überrascht ich war, als ich in diesem kleinen Beitrag meinen eigenen Namen gelesen habe! Ich sollte der sein, der mit anderen über Bibeltexte plaudert? Der Titel „Plaudern über Bibeltexte“ war eine Erfindung des Redakteurs. Die „ungezwungene Atmosphäre“, in der das Gespräch stattfinden sollte, wurde kurzerhand im Plaudern auf den Punkt gebracht. Ich fand das, je länger je mehr, eine gelungene Wortwahl und steuerte relativ entspannt das Café Wesley’s in Weilheim an. Dort war die Plauderei angesagt.

Die Sache hatte nur einen Haken: Der Bibeltext, um den es gehen sollte, war zum Plaudern denkbar ungeeignet: Noah und die große Flut. Im Klartext: Es ging um den Weltuntergang. Mal keine Geschichte vom lieben Gott. Sein Projekt ‚Mensch‘ ist schief gegangen. Gott ist so enttäuscht, dass er genug hat von seiner Schöpfung. Am liebsten würde er sie widerrufen. Da läuft ihm Noah über den Weg. Und an diesem Menschen entzündet sich seine heimliche Liebe wieder: ‚Auch, wenn die Menschheit am Abgrund steht und drauf und dran ist, hinunter zu stürzen, will ich sie doch nicht aufgeben‘, beschließt Gott. Und Noah überlebt die Katastrophe. Mit ihm kann Gott neu anfangen. Und er verspricht dem Überlebenden absolute Solidarität.

Nein, ein Gespräch im Plauderton war‘s nicht. Ist es ja unsere Geschichte, die da erzählt wird. Dass wir am Abgrund stehen, ist heute leider kein weit her geholter Gedanke mehr. Aber zugleich sind wir alle als Nachkommen Noahs auch Überlebende. Die Aufmerksamkeit Gottes ist uns gewiss. Er gibt uns nicht auf. Diese Erkenntnis hat unser Gespräch entspannt. Hoffnung ist aufgekommen, ein bisschen Freude auch und Erleichterung. Gut, dass es ausgesprochen wurde. Wir haben einander Mut gemacht, wir haben sogar gelacht und am Ende noch ein wenig - geplaudert.

Stefan Herb von der evangelisch-methodistischen Zionskirche

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