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Geistliches WortSehen und gesehen werden

Wer früher ein schönes Kleidungsstück oder eine neue Frisur ausführen wollte, musste ins Theater, ins Konzert oder in die Kirche gehen. Die Reaktionen reichten dann von echter Bewunderung bis hin zu getuschelter, vernichtender Kritik. Heutzutage hat man die Möglichkeit, die Mitmenschen per WhatsApp-Status bebildert über den Tag zu informieren oder sich selbst bei Instagram in Szene zu setzen. Da sieht man dann an den Daumen nach oben oder nach unten, ob das gefällt, was man gepostet hat. Oder besser gesagt, ob man gefällt.

Das scheint ja schon ein urmenschliches Bedürfnis zu sein: Gesehen und beachtet zu werden. Wahrgenommen zu werden. Gerade jetzt in Zeiten der Kontaktbeschränkungen vermisst man das zum Teil schmerzlich. Und das digitale Format kann in Sachen Beachtung offensichtlich - wie in den meisten anderen Bereichen auch - nicht alles aufwiegen.

In Psalm 139 steht geschrieben: „Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.“

Vielen Menschen bedeutet es viel, daran glauben zu können, dass es einen gibt, der einen sehr aufmerksam und kontinuierlich beachtet und betrachtet. Und zwar nicht als kritischer Übervater oder seine Macht als Datensammler ausnützender „Big Brother“, sondern als der, dessen geliebtes Geschöpf man ist. Ja, so fromm bin ich Gott sei Dank, dass ich glauben kann, dass er mich mit den Augen seiner Liebe ansieht. Diese Vorstellung lässt einen allen seinen Fehlern und Schwächen zum Trotz aufrecht durchs Leben gehen und macht einem immer wieder Lebensmut. Es spornt an, es Gott nachzumachen. Also die Mitmenschen auch mit freundlichen, liebevollen und aufmunternden Blicken zu begleiten.

Wer sich morgen der Liebe Gottes vergewissern oder auch nur seine neu gerichtete Frisur ausführen wollen, ist eingeladen, einen Gottesdienst zu besuchen.

Christian Lorösch Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Lindorf und Ötlingen

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