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Geistliches Wort„So ein Esel...“

Zugegeben, man braucht in der katholischen Kirche angesichts des heftigen Reformstaus schon Eselsgeduld.

Gut kann ich mir vorstellen, dass viele so ähnlich schreiben könnten, wie es ein ausgetretener Katholik tat, der sich über vieles in seiner Kirche ärgerte und mir wütend schrieb: „Man muss schon ein Esel sein, wenn man heutzutage noch katholisch ist und sich in dieser Kirche engagiert!“

„Stimmt genau“, werden alle die beipflichten, die auch enttäuscht sind von der Reformresis­tenz in der katholischen Kirche.

„Stimmt genau“, sag‘ auch ich als Pfarrer von St. Ulrich, nachdem ich den Einzug in Jerusalem näher betrachtet habe:

Ein Esel trug Jesus damals zu den Leuten - und so kommen mir auch die wichtigen Aufgaben als Christ und einer christlichen Kirche in den Sinn, nämlich Jesus zu den Menschen zu tragen und sein Evangelium unter die Leute zu bringen.

„So ein Esel . . .“ als Vorbild für die christliche Kirche und ihre Gläubigen und vielleicht darüber hinaus?

Ein amüsanter Gedanke auch weit über die Faschingszeit hinaus, oder? Mir gefällt dieser Gedanke irgendwie!

Wie jeder weiß, gilt der Esel als geduldiges, aber auch als störrisches und eigenwilliges Tier. Reizvoll könnte diese Mischung für uns Christen sein und unser christlich geprägtes Leben ausmachen.

Auf der einen Seite die Geduld aufbringen, Lasten und Belastungen in der Familie, am Arbeitsplatz, in Gesellschaft und Kirche täglich auf sich zu nehmen, eigene Grenzen annehmen und dennoch an sich zu arbeiten.

Auf der anderen Seite richtig störrisch zu sein, also protestieren, wenn gerade außerhalb oder innerhalb der Kirche Leben nicht zur Entfaltung kommen darf; kritisch und unbequem sein, wenn Ungerechtigkeiten und menschliche Skandale stillschweigend übergangen werden. Gerade die Störrischen bringen uns oft eher weiter, als die, die nur „iah“ und „Ja und Amen“ sagen. Leider treffen sich selten diese wichtigen Eigenschaften eines Esels aber bei uns Menschen so vereint, deshalb wünsch ich mir eine Kirche, in der „solche“ und „solche Esel“ einen Platz haben, ja dann bin ich gerne katholisch und sicher trotzdem gut drauf.

Und wenn dann einer sagt: „Man muss schon ein Esel sein, wenn man heutzutage noch katholisch ist und sich in dieser Kirche engagiert!“ - dann könnte ich schmunzelnd vielleicht mit all den Kandidaten und Kandidatinnen für die kommende Kirchengemeinderatswahl am 22. März sagen: „Stimmt genau!“

Franz Keil

Pfarrer von St. Ulrich in Kirchheim

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