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Geistliches Wort„Spirituelle Solidarität“

Wenn ich in meiner Zeit im Libanon eine Sache gelernt habe, dann diese, dass es in allen Religionen Menschen gibt, die Unterschiede überdeutlich sehen, die Menschen anderer Religionen, ja anderer Ausprägungen derselben Religion das Lebensrecht absprechen und die zu Gewaltexzessen gegen Andersdenkende aufrufen. Wir lesen und hören genug von Massakern im Namen der Wahrheit auf allen Seiten und auf der ganzen Welt.

Was aber, wenn kein Mensch die ganze Wahrheit besäße? Wenn Gott sich die ganze Wahrheit vorbehielte? Wenn wir alle erst am Ende unserer Zeit oder unserer Welt Gottes ganze Wahrheit erführen und wir bis dahin gemeinsam als Wahrheitssucher unterwegs wären zu Gott? Jeder und jede auf seiner Spur und in seiner Religion, aber vielleicht zum selben Ziel?

Weil, wer die ganze Wahrheit jetzt schon erkannt zu haben meint, der will über alle anderen Menschen herrschen. Der würde gar Gott besitzen und über ihn herrschen wollen.

Wenn wir aber einander achten, denn jeder Mensch könnte ein Körnchen Wahrheit mit sich tragen und sagen, wenn wir einander zuhören voll Neugier, weil Gottes Wahrheit größer ist als das, was ich verstanden zu haben meine, und wir offen sind, denn Gottes Geist könnte jederzeit durch jeden Menschen zu mir sprechen, dann wären wir miteinander unterwegs, neugierig auf Gott, Gott ersehnend und ihn in seiner großen Andersartigkeit und Ewigkeit verehrend.

Wenn ich in meiner Zeit im Libanon eine zweite Sache gelernt habe, dann diese, dass es in allen Religionen Menschen gibt, die so miteinander unterwegs sind. Die in ihrem eigenen Glauben ganz zu Hause sind, nichts vermischen und doch in „spiritueller Solidarität“ den anderen mit seinem Glauben ernst nehmen. Die verbunden sind miteinander nicht in gleichen Sitten und nicht in der gleichen Lehre oder Kultur, aber in derselben Sehnsucht, dass Gott sich ereignen möge in unseren Herzen, auf unserem je eigenen Weg.

Würde sich die Welt nicht verändern, wenn wir einander nicht mit Wahrheiten traktierten, sondern im Wissen, dass wir alle gleichermaßen der Erleuchtung durch Gott bedürfen, jeder in seiner Tradition riefe: Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist . . . ?

Renate Kath

Dekanin Kirchenbezirk Kirchheim

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