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Geistliches WortTreu und zuverlässig

Es war ein so seltenes Ereignis, dass der Teckbote sogar einen Fotografen hinausschickte. Ende August flogen nachmittags zehn Weißstörche über Holzmaden ein, um eine Zwischenlandung auf dem Kirchturm und auf dem First des benachbarten Pfarrhauses zu machen. Dort ruhten sie eine Nacht aus, bevor sie am nächsten Morgen ihren Flug nach Süden fortsetzten.

Keiner im Dorf konnte sich daran erinnern, so etwas schon einmal gesehen zu haben. Einen einzelnen Storch vielleicht, der vor dreißig oder vierzig Jahren auf der Suche nach einem Nistplatz hier nicht fündig wurde. Besonders Kundige erinnerten sich an einen Vermerk in den Kirchenbüchern, dass vor hundert Jahren der Korbmacher des Dorfes den Auftrag erhalten hatte, ein Storchennest für das Kirchendach zu flechten. Aber zehn Vögel auf einen Schlag - was für ein Schauspiel und was für ein ermutigendes Zeichen!

Der Volksmund sagt dem Storch bekanntlich nach, er würde die Kinder bringen. Als wiederkehrender Zugvogel war „Freund Adebar“ in unseren Breiten ein Frühlingsbote. Weil er jedes Jahr zu der Zeit wiederkehrte, in der die Natur erwachte, galt er als Glücksbringer.

Die Bibel erkennt im Verhalten dieser großen Vögel eine noch wesentlich tiefgründigere Symbolik: „Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit“, predigt der Prophet Jeremia, „aber mein Volk will das Recht Gottes nicht wissen.“ Auf den Flug des Zugvogels ist also - anders leider als auf die Rechtschaffenheit der Menschen - absoluter Verlass. Der Storch ist der treue Vogel, der dahinzieht und wiederkommt. Deshalb sieht der Prophet Sacharja in einer Vision, wie die Gottlosigkeit der Leute in eine Tonne gepackt und mit „Flügeln wie Storchenflügel“ aus dem Land hinaustransportiert wird. Besonders zuverlässig muss diese „geistliche Müllentsorgung“ ausgeführt werden, weil nur dadurch der Neustart gelingen kann.

Vor einem Neustart stehen wir auch jetzt wieder, im September dieses denkwürdigen Jahres 2020, nach dem Urlaub, nach den Schulferien, nach der Corona-Pause. Vieles, was in den letzten Wochen zum Erliegen gekommen ist, soll wieder anfangen. Das gilt auch für die Kirchengemeinden. Jetzt heißt es mit Mut und Gottvertrauen, aber gleichzeitig auch besonnen zu handeln. Gefragt sind die, die trotz der noch nicht gebannten Gefahr Schritte wagen, ohne in Leichtsinn zu verfallen. Es bleibt ein Restrisiko, wie immer im Leben. Ganz verlässlich aber bleibt Gottes Treue, die reicht „so weit die Wolken gehen“ (Psalm 108,5).

Andreas Taut

Evangelischer Pfarrer in Holzmaden

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