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Geistliches WortUnbequeme Tage

Am Volkstrauertag brennen zum Gedenken an die Toten viele Lichter.Archivfoto: Deniz Calagan
Am Volkstrauertag brennen zum Gedenken an die Toten viele Lichter.Archivfoto: Deniz Calagan

Dazu stehe ich als Deutscher: zu unserer deutschen Geschichte. Mit ihren Höhen in Dichtkunst, Philosophie und Ingenieurskunst. Mit politischen Glanzleistungen bei der Wiedervereinigung.

Ich stehe auch zu den Versäumnissen auf diesem Weg. Ich stehe überdies zu den Tiefen unserer Geschichte: der erste Weltkrieg, German Angst und manches mehr.

Genauso stehe ich zur kaum sagbaren Finsternis, die historisch mit unserem Land verbunden ist. Es gab einen rassistischen Staat, bösartig, verlogen, repressiv, zugrunde richtend und mordend. Ich stehe dazu, dass mich das erschüttert - jedes Mal aufs Neue beim Lesen oder Anschauen, beim Besuch von Gedenkstätten oder Erzählen von Geschichte.

Und ehrlich gesagt wird mir bei dem Gedankenexperiment, wie ich damals gehandelt hätte, unheimlich. Charaktere wie ­Julius von Jan bewundere ich. Er gehört zu denen, die mich nötigen, mich selbst infrage zu stellen: Wofür stehst Du und wirst Du gestanden haben?

Bußtag und Volkstrauertag verlangen genau das von uns. In ihrem sperrigen sprachlichen Gewand scheinen sie bisweilen wie überalterte Fremde, für die wir keine Aufmerksamkeit übrig haben. Obendrein sind ihre Namen zu unbequem.

Hätten wir’s bequemer, wenn wir sie uns ersparen? Nein! Denn der ehrliche und unbestechliche Blick auf sich selbst genauso wie der Blick auf die Geschichte des eigenen Volkes hilft. Wir sehen das Gute, die Grautöne und auch das Finstere.

In der Kirche wagen wir das Gespräch mit diesen Fremden immer wieder, weil wir gerade in die dunklen Abgründe mit einem Licht schauen. Der Evangelist Johannes beschreibt die Erscheinung Jesu so: „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“

Christoph Schubert

Pfarrer der Julius-von-Jan-Gemeinde

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