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Geistliches WortVerständnis für Thomas

Kommunion in Peter und Paul, katholische Kirche
Kommunion in Peter und Paul, katholische Kirche

In vielen Kirchen wird am Weißen Sonntag Erstkommunion gefeiert. Die Mädchen und Buben kommen in ihrem festlichen weißen Gewand, das an die Taufe erinnert, zur Kirche. Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute an Ihre eigene Erstkommunion oder an Ihre Konfirmation zurückdenken? Das war doch für uns alle ein großer Tag in unserem Leben. Was ist da aber alles seither geschehen? Jede und jeder hat sich ja seither weiterentwickelt, Die Erfahrungen des täglichen Lebens in Familie und Beruf, Gesellschaft und Kirche, all die Enttäuschungen und Schicksalsschläge haben vieles von der kindlichen Einfachheit durcheinandergebracht und zerstört. Mein Glaube hat sich damit ja auch verändert. „Du ungläubiger Thomas“, diesen Ausspruch kennen wir alle und vielleicht haben wir ihn auch schon mal zu jemand gesagt. Dieser Apostel Thomas kommt an diesem Sonntag im Evangelium vor. Obwohl er damals mit Jesus immer zusammen war, kann er das mit der Auferstehung nicht glauben. Auffällig in seiner Haltung ist auch: „Was ich nicht sehe, glaube ich nicht.“ Mir ist so ein ehrlicher Mensch wie Thomas sehr sympathisch. Er versteckt nichts von seinen Zweifeln, er nennt sie ganz deutlich beim Namen. Ja, was Thomas da sagt, das könnten manchmal sogar meine eigenen Worte sein. Ich kann ihn jedenfalls gut verstehen, diesen Thomas. Jesus geht auf seine Zweifel ein. Keine Kritik und kein Tadel. Er geht sogar auf die Forderungen des Thomas ein, dass er Beweise hat. Vielleicht muss man manches mit den Augen des Herzens sehen. „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“ (Saint-Exupéry). Das Wesentliche an unserem Glauben ist das, was wir an Ostern gefeiert haben: Wir sind befreit zum Leben - und das beginnt bereits hier und jetzt. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Und unsere Antwort könnte heißen: „Vertrauen“. Sicher, es gibt Situationen in unserem Leben, in denen Vertrauen schwerfällt. Lebenskrisen, Krankheiten usw. - und wir finden keine Antwort darauf. Und das macht auch das Vertrauen oft schwer. Wir brauchen einfach Sicherheiten. Wir planen und berechnen. Das brauchen wir in unserer so schnelllebigen Zeit. Aber vielleicht machen wir in unserem Leben doch auch immer wieder die Erfahrung, angerührt zu sein von einem Ereignis, einem Gespräch, einer Begegnung, in der uns so etwas aufleuchtet wie ein göttlicher Moment? Ist es wirklich ausgeschlossen, dass mitunter in unserem Leben eine Erfahrung des „Himmels auf Erden“ vorkommt, die zum Glauben hilft? Sie sehen, Thomas ist Ihnen und mir gar nicht so fern. Und ich wünsche uns, dass auch die Erfahrung des Auferstandenen gar nicht so weit weg ist von uns.

Winfried Hierlemann

Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde Maria Königin in Kirchheim

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