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Geistliches WortWorte wirken

Worte sind nicht Schall und Rauch! Worte wirken. Wenn zum Beispiel Eltern ihr Kind trösten mit den Worten: „Du brauchst keine Angst zu haben!“, dann geben sie damit nicht nur eine Information weiter, sondern bewirken bestenfalls genau das: nämlich, dass ihr Kind keine Angst mehr hat. Und indem sie die tröstenden Worte sprechen, zeigen sie sich selbst als tröstlichen Halt für ihr Kind. Liebeserklärungen, Hasstiraden, Segenswünsche, falsche Gerüchte, Flüche und Grüße - all diese Formen des „miteinander Sprechens“ rufen gute oder schlechte Wirklichkeiten hervor. Deswegen spielt das „Wort“ auch im Glauben so eine zentrale Rolle. Denn im jüdischen-christlichen Glauben ist die Grundüberzeugung: Gott hat zu den Menschen geredet, und er redet fortwährend zu uns. Nicht per Donnerstimme aus dem Himmel. Nicht per Smartphone. Aber in den Geboten und Gleichnissen, Zusagen und Verheißungen. Es wird für die vielen Herausforderungen der Zukunft nicht gleichgültig sein, ob wir selber und unsere Kinder und Enkel noch das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ oder das „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“ kennen. Oder ob die prägenden Geschichten nur noch Leistungs- und Konkurrenzgeschichten sind, in denen die Skrupelloseren und Mächtigeren siegen.

Unser ganzes Denken und Fühlen ist genau genommen nichts anderes als ein andauerndes inneres Gespräch. Martin Luther hat einmal die treffende Formulierung vom „Dichten und Trachten“ unseres menschlichen Herzens gefunden. Andauernd gibt es in uns ein Flüstern, ein Fragen, ein Jammern, ein Streiten. Wir stellen uns Fragen, wir stöhnen und seufzen über das, was schwer ist; wir wägen nahezu fortwährend innerlich Dinge ab und treffen kleine oder große Entscheidungen.

Im christlichen Glauben ist immer klar gewesen: Die entscheidende Schaltstelle fürs Leben ist - mein Herz. „Herz“ - so nennen wir nach wie vor dieses innerste Kraftzentrum unserer Individualität und unserer Lebensdeutung. Was dort hineinkommt, was dort wirkt und sich auswirkt, das bestimmt unser ganzes Sein.

Deswegen ist es keineswegs eine veraltete Redeweise, wenn wir im Glauben sagen, dass es Gott um unser Herz geht. Er will uns in ein Gespräch verwickeln, das uns herauslöst aus all den wenig lebensfördernden Selbstgesprächen wie dem Sorgenmachen, dem Unzufriedensein, dem „Sich ärgern“, dem Neid und allen anderen Arten des Kreisens um uns selbst. Er will uns in ein Gespräch verwickeln, das uns befreit und in Freude versetzt, das uns Lebensmut gibt und in Dankbarkeit versetzt, das uns zu Selbstannahme und Nächstenliebe führt. Deswegen ist es wirkliche Lebenshilfe, auf Gottes Wort zu hören!

Jochen Maier

Pfarrer der Martinskirche, Kirchheim

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