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Hagel nimmt immer den gleichen Weg

Unwetter Metzingens Stadtarchivar Rolf Bidlingmaier belegt anhand historischer Quellen, dass der Hagelsturm am 23. Juni kein Sonderfall war: Superzellen ziehen regelmäßig entlang des Albtraufs Richtung Osten. Von Andreas Volz

Größter Hagel seit Menschengedenken - die Formulierung bringt den Metzinger Stadtarchivar Rolf Bidlingmaier zum Schmunzeln: Seit dem großen Unwetter vom 28. Juli 2013 befasst er sich mit Berichten über frühere Hagelschäden in Württemberg. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass sich die Beschreibungen seit nahezu 300 Jahren gleichen. Vor allem aber kann er historische Muster ausmachen, die sich auch jetzt am 23. Juni wieder gezeigt haben.

Meistens entstehen die Superzellen zwischen Oberndorf und Schramberg. Von dort ziehen sie am Neckar sowie am Albtrauf entlang bis zur Ostalb. Das zeigt Rolf Bidlingmaier für 2021 anhand des Regenradars. Für das 19. Jahrhundert steht ihm die Arbeit des Zürcher Professors Anton Bühler zur Verfügung. Dieser hatte die Hagelschäden im Königreich Württemberg von 1828 bis 1887 untersucht und seine umfangreichen Ergebnisse 1890 in den Württembergischen Jahrbüchern für Statistik und Landeskunde veröffentlicht.

Es gibt aber auch eine Beschreibung aus dem Amtsblatt des Oberamts Urach, in der ein Hagelzug vom 19. Mai 1872 beschrieben wird: „Da das Gewitter bei Oberndorf um 3 ½ Uhr Nachmittags, bei Neres­heim und Heidenheim um 5 Uhr sich entlud, so brauchte es 1 ½ Stunden, um jenen Weg zu durchlaufen [...]. Die Richtung des Gewitters war dieselbe wie die der Schwäbischen Alb; von Südwesten nach Nordosten mit geringer Neigung gegen Osten.“ Liest man die Namen der Oberämter, erhält man die Zugbahn nahezu aller Superzellen, für die Rolf Bidlingmaier bislang Daten ermittelt hat.

Betroffen waren demnach am 19. Mai 1872 „die 16 Oberämter Oberndorf, Sulz, Horb, Rottenburg, Tübingen, Reutlingen, Urach, Nürtingen, Kirchheim, Göppingen, Gmünd, Geislingen, Heidenheim, Aalen, Neresheim, Ellwangen“. Was hier im Zusammenhang dargestellt ist, vermisst Rolf Bidlingmaier heutzutage: „Die Berichterstattung hört meistens an den Kreisgrenzen auf. Da wird das gesamte Unwetter entlang des Albtraufs nicht im Zusammenhang betrachtet.“ Genau darauf käme es ihm aber an, weil sich dann vielleicht Lehren aus der Vergangenheit ziehen lassen könnten.

Daten gebe es zur Genüge. Man muss sie nur kennen und auswerten: „Die Hagelkörner werden immer größer, je weiter sich die Superzelle vom Ort ihrer Entstehung entfernt. Wenn man aber weiß, wo sie entsteht, kann man am Ursprungsort - also zwischen Oberndorf und Schramberg - ansetzen, um größeren Schaden möglicherweise noch zu verhindern. Wenn der Hagelflieger erst in Tübingen angreift, ist es zu spät.“

Was können Hagelflieger helfen?

Dass Hagelflieger umstritten sind, dessen ist sich auch Rolf Bidlingmaier bewusst. Aber seine Auswertungen haben ergeben, dass die Hagelschäden im Rems-Murr-Kreis zurückgegangen sein müssen, seit dort Hagelflieger im Einsatz sind. Trotzdem stellt er fest: „Man darf nicht davon ausgehen, dass diese Flieger in Zukunft jeden Hagel verhindern können. Die Wahrheit liegt hier wohl - wie so oft - in der Mitte.“

Was sich durch die Untersuchung historischer Hagelschäden auf jeden Fall ergeben könnte, wäre ein Frühwarnsystem. Nicht immer liegt die „Lebensdauer“ einer Superzelle bei nur anderthalb Stunden, wie 1872. Jetzt im Juni waren es über vier Stunden. In dieser Zeit hätten die Menschen entlang der Zugbahn zumindest ihr bewegliches Hab und Gut besser in Sicherheit bringen können.

Gibt es solche Hagelwetter künftig öfter? Rolf Bidlingmaier ist kein Klimaexperte. Er hält es für möglich, dass es wegen des Klimawandels verstärkt zu Hagel kommen kann. Andererseits sind die Berichte des 19. Jahrhunderts voll von Wiederholungen: „Wie vor drei Jahren“, heißt es 1872 aus Tübingen. Von Schwalldorf bei Rottenburg wird am 28. Juni 1870 berichtet: „Für diese Gemeinde ist das Unglück heuer umso empfindlicher, als sie voriges Jahr ebenso hart vom Hagelschlag heimgesucht worden ist“.

Schwerstes Unglück seit Menschengedenken? Die Beschreibungen von Schnee- und Winterlandschaften mitten im Sommer gleichen sich. Momentan hat sie jeder noch in Erinnerung. „Aber mit dem Menschengedenken ist es eben nicht so weit her“, meint Rolf Bidlingmaier. Zu schnell verblasst die Erinnerung wieder.

Winter mitten im Sommer: Das gab es - wie zuletzt am 23. Juni - schon häufig zwischen Mitte Mai und Mitte August. Foto: Carsten
Winter mitten im Sommer: Das gab es - wie zuletzt am 23. Juni - schon häufig zwischen Mitte Mai und Mitte August. Foto: Carsten Riedl
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