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Hemdsärmelig und kämpferisch

Bundestag Der SPD-Kreisverband holt sich zum Wahlkampf-Auftakt prominente Unterstützung: Arbeitsminister Hubertus Heil spricht in Wendlingen über das Impfen, über Bildung und Arbeitsschutz. Von Nicole Mohn

Bei Hubertus Heils Rede zum Wahlkampfauftakt landete das Jackett schnell auf dem Mikrofonständer.Foto: Nicole Mohn
Bei Hubertus Heils Rede zum Wahlkampfauftakt landete das Jackett schnell auf dem Mikrofonständer.Foto: Nicole Mohn

Seit Mittwoch stehen die Zeichen bei der SPD im Kreis offiziell auf Wahlkampf. Zum Auftakt holten sich die beiden Kandidaten, Argyri Paraschaki und Nils Schmid, prominente Unterstützung aus Berlin: Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales, machte auf dem Wendlinger Marktplatz ordentlich Stimmung.

Mit etwas Verspätung strebt Hubertus Heil am Mittwochabend schnellen Schrittes Richtung Rednerpult. „Hallo Esslingen“ grüßt er gut gelaunt. Naja, stimmt nicht ganz - aber das Publikum nimmt es ihm nicht sonderlich krumm. In der Mehrheit sind es eh Parteigenossen, die sich an den Tischen versammelt haben. In der Regel altgediente, junge Gesichter haben sich kaum unter die Zuhörer gemischt.

Heil hält sich nicht lang mit Vorgeplänkel auf, sondern tut genau das, was er gut kann: reden und die Leute zum Zuhören bringen. Schnell kommt Heil in Fahrt, das Jackett landet kurzerhand am Mikroständer und Heil arbeitet sich durch das weite Feld der Themen, die ihm am Herzen liegen.

Impfen ist ein Muss

Seine allererste Bitte: „Lassen Sie sich impfen.“ Schlimme Bilder hat Heil von einem Besuch am Universitätsklinikum Jena im Kopf. „Dort feiern sie, wenn sie einen Patienten durchgebracht haben“, sagt Heil. Viel Grund zum Feiern gebe es aber nicht: „Von den ganz schweren Fällen schaffen es gerade mal 40 Prozent“, sagt der Sozialdemokrat. Dass Ärzte und Pflegerinnen nach Feierabend mit Menschen darüber diskutieren müssen, ob es überhaupt eine Pandemie gibt und ob man sich impfen lassen muss - da wird Heil schmallippig: „Es ist eine Frage der Solidarität.“

Heil schwenkt zum Thema Kurzarbeit. „Die stabilste Brücke über das Wirtschaftstief“, das Corona ausgelöst habe und Hilfe, die bei den Menschen ankommt. Am Herzen liege ihm aber vor allem, in Sachen Bildung und vor allem Ausbildung aktiv zu werden. „Einen Corona-Jahrgang können wir uns nicht leisten“, so sein Appell. Ein Abschluss und eine Ausbildung sei die wichtigste Eintrittskarte in eine selbstbestimmte Zukunft, sagt Heil: „Das dürfen wir den jungen Menschen nicht verbauen“, drängt er. Die Agentur für Arbeit will er umbauen, sie soll in Sachen Qualifikation und Weiterbildung Anlaufstelle werden.

Mindestens ebenso wichtig ist für den Niedersachsen das Thema Arbeitsschutz. Bislang sei das als „Orchideen- und Randthema“ belächelt, aber: „Arbeit darf nicht krank machen“, fordert er. Corona habe hier eine Vielzahl von Missständen aufgezeigt. Beispiel: die Fleischindustrie. Dass es erst eine Gesundheitskrise brauche, um in der Branche aufräumen zu können, ist für Heil ein Skandal.

„Arbeit hat Wert, Arbeit hat Würde“, ruft Heil sein Mantra, wofür er brennt. Gerechte und gute Bezahlung - für die Menschen in der Pflege beispielsweise. Für die es endlich mehr geben muss als Applaus und warme Worte. Sie stehen bei Heil stellvertretend für viele andere Berufsgruppen. Und die tragen seiner Erfahrung nach selten Anzug und Krawatte, sondern Schürze oder Kittel. Eben jene, die den Laden in der Pandemie am Laufen hielten. Dass es ihm doch noch gelungen sei, einen Tariflohn in der Altenpflege einzuführen - für Heil ein Punktsieg. Für vieles hat er in der großen Koalition hart kämpfen müssen, so auch für die Grundrente. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters: Da gibt es von Heil ein klares Nein. „Wer will, kann gerne weiterarbeiten“, meint er. Nur müssen soll es seiner Auffassung keiner. „Nach 45 Jahren muss auch mal Schluss sein dürfen.“

Vonseiten des Koalitionspartners wünscht sich Heil gerade in diesen Fragen klare Ansagen. Die vermisst er bislang. Es gehe mehr um Baerbocks Fußnoten und Laschets Grimassen: „Aber Demokratie ist, um Fragen zu ringen, die für die Zukunft unseres Landes wichtig sind.“ Längst ist Heil hinter dem Rednerpult herausgetreten, hört sich aufmerksam auch Fragen an, die aus der Zuhörerschaft kommen, sucht aktiv den Dialog, auch mit den wenigen Zwischenrufern, denen er souverän und sachlich antwortet.

Argyri Paraschaki, die für die SPD im Wahlkreis Esslingen antritt, und der Nürtinger SPD-Bundestagsabgeordnete Nils Schmid, der den Wiedereinzug anstrebt, ist an diesem Abend nur eine Nebenrolle vergönnt. Kurz stehen sie für ein Interview mit Dieter Pahlke auf der kleinen Bühne, der als ers- tes unter peinlich-berührten Blicken Paraschaki nach ihren Erfahrungen als Gastarbeiterkind fragt. Die Esslingerin kontert souverän: „Völlig normal.“

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