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Herausforderndes Miteinander

Zum Artikel „Manche ziehen sich da sauber raus“ vom 3. April

Angesichts der Tatsache, dass Lehrer zunehmend über Probleme mit Eltern klagen, müssen wir uns, so die Ministerin, mit der Frage befassen, ob die Schule nicht längst zum Reparaturbetrieb der Gesellschaft geworden sei. Dazu führt sie Elternabende durch. Einer davon fand kürzlich in der Donauhalle in Ulm statt. Gezeigt wurde im Fernsehen eine anonymisierte Lehrergruppe, deren Teilnehmerinnen Erfahrungen mit schwierigen Eltern schilderten. Eine Antwort auf die Frage, wie denn das Verhältnis zwischen Lehrern und Eltern verbessert werden könnte, suchte der Leser und der Zuhörer vergeblich. Offensichtlich herrscht Ratlosigkeit.

Wenn ein Patient zum Arzt geht, erwartet er eine Behandlung aufgrund des heutigen Standes der medizinischen Wissenschaft. Auf was bezieht sich eine Kultusministerin, ein Lehrer, eine Lehrerin, eine Mutter, ein Vater, wenn sie Auskunft über den Sinn ihres erzieherischen Handelns geben sollen? Wie wäre es, wenn ein Lehrer sich als Pädagoge äußern könnte, sowie sich ein Arzt als Mediziner äußert? Als Lehrer müsste er wissen und sagen können, worin die unersetzbare Eigenständigkeit der Pädagogik besteht.

Mein Studium der philosophischen Pädagogik vor 60 Jahren führte bei mir zu drei Grundeinsichten. Freiheit ist geordnete Selbstbindung an richtiges Wissen und moralisch Geltendes. Das Lehrer-Schüler-Eltern-Verhältnis ist ein dialogisches Verhältnis, indem es um altersgemäße argumentative Prüfung von Geltungsansprüchen geht. Diese beiden Prinzipien führen den Schüler ein in den Gebrauch seiner situationsbezogenen Urteilskraft und weisen die Eltern darauf hin, worin sich ihre Begleitung ausdrücken könnte. So sind aus der Sicht der Pädagogik Lehrer, Eltern, Kinder und Jugendliche verbunden im gemeinsamen Ringen um verantwortbares Handeln.

Dr. Henrik Westermann, Lenningen

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