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Hürdenlauf vor dem Startschuss

Basketball Die Knights haben zum Saisonauftakt gegen Tübingen ebensoviel Hoffnung wie Probleme, aber keine eingespielte Mannschaft. Von Bernd Köble

Point Guard Ian Dubose (mit Ball) steht mit 22 Jahren für den Verjüngungskurs bei den Knights.Foto: Tanja Spindler
Point Guard Ian Dubose (mit Ball) steht mit 22 Jahren für den Verjüngungskurs bei den Knights.Foto: Tanja Spindler

Er braucht keine langen Warmlaufphasen, auch wenn er äußerlich kühl wirkt. Als Headcoach hat Igor Perovic sein Premierenjahr bei den Knights zu einem der erfolgreichsten in der Kirchheimer Vereinsgeschichte gemacht. Indem er eine Mannschaft formte, die seine Vorstellung von Basketball bedingungslos verkörperte. Mit Leidenschaft, Teamgeist und Opferbereitschaft. Das hat viele beeindruckt. Nicht nur nominell stärker aufgestellte Gegner, sondern auch die eigenen Anhänger in der Verbannung daheim vor dem Bildschirm.

Jetzt sind die Fans zurück in der Halle, und es könnte das entstehen, was den Standort Kirchheim in der Pro A seit 13 Jahren zu etwas Besonderem macht: ein Bollwerk gegen die Gesetze von Einfluss und Geld. Doch auch hinter Perovics oft unbewegtem Mienenspiel wird deutlich, dass zurzeit vieles nicht nach seinem Geschmack verläuft. Kurz vor dem Auftakt-Heimspiel seiner Mannschaft am Samstag gegen Tübingen hat der 47-jährige Serbe mehr Baustellen als ihm lieb sind.

Problem Nummer eins: Dazon Ingram. Der 24-jährige US-Amerikaner, der aufgrund seiner individuellen Klasse erste Wahl auf der Spielmacherposition war, ist nach wochenlangen Störfeuern endgültig raus. Erst war er da, dann wieder weg. Dann kehrte er reuig zurück und stellte die Knights vor neue Probleme. Nachdem bekannt wurde, dass er offenbar unter den Spätfolgen einer Covid-Erkrankung leidet, musste er sich diese Woche einem Lungen-Check unterziehen. Jetzt haben die Knights kurz vor Saisonstart die Reißleine gezogen und mit Marlon Stewart Ersatz verpflichtet. Der spielte zuletzt in der ersten Division in Luxemburg bei AB Contern und ist ein völlig anderer Spielertyp als Ingram. Deutlich kleiner, weniger athletisch, aber mit gutem Zug zum Korb. Ein Typ, dem das Etikett Teamplayer anhaftet. Mit seiner mannschaftsdienlichen Spielweise passt er laut Knights-Geschäftsführer Chris Schmidt gut ins System Perovic. „Wir müssen perspektivisch planen, nicht für den Moment,“ sagt Schmidt, der mit einer schwierigen Startphase in dieser Saison rechnet.

Problem Nummer zwei: Der, der sich die Hauptrolle mit Stewart teilen soll, wird die erste Saisonphase versäumen. Karlo Miksic macht nach seiner Sprunggelenks-OP im Sommer zwar rasche Fortschritte in der Reha. Ob der kroatische Spielmacher vor Oktober zurück sein und schnell wieder der Alte sein wird, ist jedoch fraglich. Bis dahin muss der erst 19-jährige Aleksa Bulajic mehr Verantwortung im Spielaufbau tragen als geplant. Dass er das kann, hat das Talent mit deutschem Pass und montenegrinischen Wurzeln in der Vorsaison immerhin bewiesen.

Was unter diesen Umständen kaum verwundert: Die Organisation auf dem Feld war in fast allen Begegnungen der Pre-Season das Hauptmanko. Point Guard Ian Dubose, der nach Ingrams überstürzter Abreise nachverpflichtet wurde, gilt als großes Talent und guter Scorer. Der 22-Jährige bringt zudem Größe mit, was ihm Vorteile beim Rebounding verschafft. Perovic ist sich sicher, dass er ein Faktor sein kann, sagt aber: „Er braucht Zeit, und er muss lernen, physischer zu verteidigen.“ Das gilt in selbem Maße auch für Justin Pierce, der anders als der ein Jahr jüngere Dubose nach einer Saison in Finnland immerhin schon über Europa-Erfahrung verfügt. Was dem wurfstarken US-Amerikaner mitunter im Wege steht, ist seine Ungeduld. Er trifft Entscheidungen häufig zu früh und tut sich mit seinen 93 Kilo bei mehr als zwei Meter Körpergröße gegen intensive Verteidiger schwer.

Damit wäre man bei Problem Nummer drei: Der Mannschaft, die im Schnitt zwei Jahre jünger ist als im Vorjahr, fehlt im Moment das, was zuletzt Grundstein des Erfolgs war: physische Präsenz und wilde Entschlossenheit. Was es heißt, mit Rookies zu arbeiten, die direkt vom College nach Europa kommen, weiß Perovic seit seinen Anfängen als Trainer - damals noch in der BBL mit Tübingen. „Für junge Spieler ist die Umstellung enorm“, sagt er. „Hier wird anders verteidigt, hier spielt weniger der Einzelne und mehr das Teamgefüge eine Rolle.“

Perovic weiß, dass er zweierlei braucht: Zeit und Geduld. Das gilt auch angesichts der Zäsur unterm Korb, wo mit dem Ex-Ehinger Akeem Jonah und Noah Starkey zwei neue Kräfte am Werk sind. Beide bringen körperlich alles mit, was ein moderner Center braucht: Sprungkraft und Athletik. Kaum zu übersehen waren während der Vorbereitung aber auch die momentanen Defizite. Bei Jonah ist es das Gespür für Tempowechsel, die Explosivität im direkten Zweikampf. Starkey, der bisher die gesamte Leistungsskala bespielt, fehlt vor allem die Konstanz, die sein Trainer von ihm erwartet.

Zumindest in der Anfangsphase werden bewährte Kräfte wie der inzwischen 32-jährige Tim Koch, der mit den Knights in seine neunte Saison geht oder Neu-Kapitän Till Pape dem fragilen Gerüst Stabilität verleihen müssen. „Wir werden am Anfang dreckige Siege brauchen“, sagt Igor Perovic. Dabei muss die Mannschaft zumindest am Samstag ohne ihren Chef auskommen. Der Headcoach reiste wegen eines Trauerfalls in der Familie heim nach Belgrad. Gegen Tübingen wird ihn am Samstag David Rösch vertreten.

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