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„Ich schaue Gott an und er schaut mich an“

Kirche Zum 70-jährigen Bestehen wird bei der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde 70 Stunden am Stück gebetet.

Auch wenn es ein Gemeinschaftsprojekt ist, kann jeder für sich alleine beten. Auf einem Tisch liegen dafür zum Beispiel kleine K
Auch wenn es ein Gemeinschaftsprojekt ist, kann jeder für sich alleine beten. Auf einem Tisch liegen dafür zum Beispiel kleine Karten mit Denkanstößen aus.Fotos: Peter Dietrich

Kirchheim. Eine ganze Stunde lang beten? Das Vaterunser spreche ich in einer halben Minute, was mache ich dann die restliche Zeit? So mag mancher denken, der Gebet nur als liturgische Rezitation vorformulierter Sätze kennt. Doch im schön dekorierten Jugendraum der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde im Steingau-Zentrum geht es weit vielfältiger und erstaunlich kurzweilig zu. Seit Donnerstag­abend wird dort, in stündlich wechselnder Besetzung, 70 Stunden am Stück gebetet, rund um die Uhr - passend zum 70-jährigen Bestehen der Kirchengemeinde.

Dazu wurden die 70 Stunden an Verantwortliche verteilt, die jeweils mehrere Stunden übernahmen. Zusätzlich trugen sich stundenweise Mitbeter ein, bis zu zehn Leute dürfen coronabedingt in den großen Raum. „Es haben sich insgesamt rund 50 Leute jeden Alters eingetragen, aber es kommen spontan weitere dazu“, sagt Laila Hornberger, eine der Organisatorinnen. Es muss aber nicht immer die „volle Besetzung“ sein, nachts um drei Uhr wird es dann schon mal etwas dünner.

Wobei Daniel Renz gerade die Nacht schätzt. „Da herrscht eine besondere Atmosphäre“, sagt der junge Mann. Gott würdige es, wenn ein Mensch sich in der Nacht Zeit für ihn nehme, gebe sich „voll rein“. „Ich habe schon erlebt, wie da bei mir krasse Dinge passiert sind. Daher habe ich eine große Erwartung in die Nächte.“

Jeder könne auch für sich alleine beten, sagt Laila Hornberger. „Aber ich finde schön, dass es ein Gemeinschaftsprojekt ist. Der dreieinige Gott ist ja in sich selbst Gemeinschaft.“ Die Gemeinschaft bedeutet aber nicht, dass alle immer dasselbe tun, der Jugendraum ist in verschiedene Stationen eingeteilt. An einer Station steht eine goldene Box mit Schlitz: Es ist „Gottes Briefkasten“. Wer will, kann das, was er Gott gerne sagen möchte, in einem kurzen oder langen Brief festhalten. Eine andere Station lädt zum Schweigen, Nachdenken und Hören ein. Auf dem Tisch liegen kleine Kärtchen mit Denkanstößen aus. Drehen wir eines herum, so inspiriert uns Dietrich Bonhoeffer mit Gedanken zur Dankbarkeit. Damit die sanften himmlischen Impulse nicht verloren gehen, liegen Zettel für Notizen aus. An anderer Stelle lassen sich Gebetsanliegen ­anonym an eine Schnur hängen - damit dann später andere dafür beten.

Antworten auf Gebet kennt Ekkehard Plessing ganz verschieden: Manchmal begännen langfris­tige Prozesse, manchmal handle Gott spontan. „Ich schaue Gott an und er schaut mich an“, beschreibt er seine Erfahrung. Wie in einer menschlichen Beziehung gehe es darum, dem anderen das zu sagen, was er ohnehin schon weiß: „Gott sehnt sich danach, dass ich es ihm erzähle.“ Es sei ebenso wichtig, auch einmal die Stille auszuhalten. Das sei am Anfang oft schwer. Aber: „Es kann sein, dass die Stunde schnell vergeht.“

Die Stunde ab 21 Uhr fühlt sich tatsächlich sehr kurz an. Ob jemand das alte - nicht jahrhunderte-, aber jahrzehntealte - Lied „Wie groß ist mein Gott“ kenne, fragt eine Teilnehmerin. Es ist im Liederbuch zu finden, ein Klavierspieler ist auch da. Es folgen noch viele andere Lieder. „Wir wollen Bibelverse singen“, hatten Daniel Renz und Laila Hornberger vorher berichtet. Sie wollten auf Basis eines markanten Verses, etwa „Der Herr ist mein Hirte“ spontan eigene Gedanken formulieren und mit einer Melodie versehen.

Handys sind im Jugendraum auszuschalten, mit einer Ausnahme: Michaela Maier hat an diesem Donnerstagabend die Verantwortung bis Mitternacht, ihr Handy bleibt an. Nachts ist das Gebäude aus Sicherheitsgründen abgeschlossen, aber wer zum Beten kommt, kann per Handy einen Türöffner herholen. Michaela Maier hat die Aufgabe gerne übernommen und berichtet von einer Umkehrung. „Vorher denke ich, ich gebe jetzt Gott diese Zeit, hinterher sehe ich immer, dass ich beschenkt worden bin.“ Etwa so, wie wenn man einen anderen Menschen besucht, um ihm eine Freude zu machen, und später denkt, war das jetzt schön! „Genau das ist meine Erfahrung.“

Peter Dietrich

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