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„Ich sehe was, was du nicht siehst”

Kinder erfühlen die Welt mit Blindenlangstöcken.
Kinder erfühlen die Welt mit Blindenlangstöcken.

Weilheim. Wie ergeht es blinden oder sehbehinderten Menschen im Alltag, und auf was muss ich bei der Begegnung mit diesen Menschen beachten? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Kinder im Weilheimer Sommerferienprogramm und erfuhren aus erster Hand von stark sehbehinderten Menschen, welche Hilfsmittel es gibt. Beispielsweise bieten heutzutage Sprachassistenten wie Siri, Alexa, Bixby und Cortana eine große Hilfe. Auch Maßbänder, die die gemessene Länge sprechen, gehören dazu.

Wenn ein Sinn eingeschränkt ist, müssen eben andere Sinne aushelfen - Fühlen und Hören. Dass die Sehbehinderten auf das Miteinandersprechen angewiesen sind, also über das Hören Informationen erhalten, lernten die Kinder anhand eines Spiels, bei dem es galt, auf schwimmenden Keksen über den Schokofluss zu kommen, ohne hineinzufallen. Für die sehenden Kinder galt es dabei, drei Sehbehinderte sicher über den Schokofluss mitzunehmen - eine kommunikative Herausforderung. Jedes Kind durfte seinen eigenen Namen, getippt mit der Blindenschriftschreibmaschine, am Ende des Tages mit nach Hause nehmen.

Aber noch war es nicht so weit, denn die nächste Aufgabe, das Lesen von Brailleschrift, wartete bereits. Die Schrift zu ertasten - für einen Sehenden nahezu unmöglich. Selbst die Brailleschrift mit den Augen zu erfassen und dann zu übersetzen war schwer genug. Nach dem Essen ging es dann nach draußen, bewaffnet mit Simulationsbrille, die eine starke Sehbehinderung vortäuscht, und einem Blindenlangstock. Der Blindenführhund Kojack zeigte den Kindern, wie er seinem Frauchen die Türe oder einen Sitzplatz zeigt oder mit ihr Hindernissen ausweicht. Selbstverständlich wartete auf Kojack auch ein Würstle zur Belohnung.

Eine ganz besondere Erfahrung machten die Kinder in Form des „blinden Vertrauens“ - Erfahrung im wörtlichen Sinne. Hier lenkte ein Sehender ein Tandem oder einen City-Roller und hatte dabei einen „blinden Passagier“ mit an Bord. Von „cool“ über „ganz schön komisch“ bis hin zu „das trau ich mich nicht“ reichten die Kommentare der Kinder. Getraut haben sich am Ende dann alle, insbesondere auch, den Kontakt zu sehbehinderten Mitmenschen zu suchen und den Umgang damit zu lernen.

Nach vier Stunden, die wie im Flug vergingen, verabschiedeten sich alle, insbesondere auch von Kojack, dem Blindenführhund.

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