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Impfen für alle - bloß wie?

Hausärzte In den Praxen können seit gestern Termine frei vergeben werden. Die Nachfrage ist dadurch vor allem bei jüngeren Patienten erheblich gestiegen, die Menge an verfügbarem Impfstoff nicht. Von Bernd Köble

In den Hausarztpraxen steigt seit Montag die Nachfrage nach einem Impftermin.Foto: Markus Brändli
In den Hausarztpraxen steigt seit Montag die Nachfrage nach einem Impftermin.Foto: Markus Brändli

Isolde P. ist glücklich. Sie hat an diesem Montag bei ihrem Hausarzt einen Impftermin für nächste Woche ergattert. Die 54-Jährige zählt weder zu einer Risikogruppe noch zu jenen, die aufgrund ihres Alters bisher berechtigt waren. Die Aufhebung der Priorisierung beim Impfen im Land macht’s möglich. Was wie der nächste, vielleicht entscheidende Schritt in die Corona-Freiheit wirkt, hat einen Haken: Dass jeder kann, der will, heißt schließlich nicht, dass jeder bekommt, was er braucht. Zumindest im Moment nicht. „Der Impfstoff wird dadurch ja nicht mehr“, dämpft Kai Sonntag, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung im Land, die Euphorie. Sonntag vergleicht die Situation mit der Diskussion um die Einbeziehung der Facharztpraxen, von denen sich inzwischen landesweit rund 1500 am Impfen beteiligen. Mit jeder, die neu hinzukommt, nimmt die Menge der Impfdosen für jede einzelne Praxis ab. Es ist die Geschichte vom Kuchen. Es gibt schlicht zu wenig davon.

Für die Hausärzte bedeutet das: Die Wartelisten werden immer länger. Zwar müssen Patienten nicht mehr nach Alter und Krankheit eingestuft und kontaktiert werden. Auch die Überprüfung von Berechtigungsnachweisen entfällt. Dafür hat die Zahl der Anfragen, vor allem durch Jüngere, seit ges­tern sprunghaft zugenommen. Chris Hahn, der mit zehn Kolleginnen und Kollegen die größte Hausarztpraxis in Kirchheim betreibt, impft seit April zwei Tage die Woche. Die Praxis verfügt inzwischen über ein eigenes Online-Portal. Die 30 Termine, die er im Netz für kommende Woche freigeschaltet hat, waren innerhalb von fünf Minuten weg. Die vermeintlich neue Freiheit beim Impfen bekommt dabei einen zusätzlichen Dämpfer: Solange der Impfstoff nicht für alle reicht, entscheiden die Ärzte weiterhin nach medizinischen Kriterien, wer einen Termin bekommt und wer nicht. Zwar wird die Zahl der noch nicht geimpften Risikopatienten geringer, aber es gibt sie noch. Solche, die bisher zögerten oder keine Gelegenheit hatten, eines der Impfzentren zu erreichen.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Die Akzeptanz des Wirkstoffs von Astra-Zeneca scheint vor allem bei Jüngeren zu wachsen. „Der Aufklärungsbedarf ist zwar nach wie vor groß“, sagt Chris Hahn. „Viele entscheiden sich nach dem Gespräch aber bewusst dafür.“ Die in Aussicht gestellten Lockerungen für Geimpfte wirken da als Beschleuniger, vermutet der Allgemeinmediziner.

Sein Kollege Wolf-Peter Miehe hält die fehlende Planbarkeit nach wie vor für das größte Problem. In seiner Corona-Schwerpunktpraxis in Weilheim hat er wie alle seine Kollegen in dieser Woche vor allem Biontech-Impfstoff für die Zweitinjektion bekommen. Von den 80 zusätzlich bestellten Dosen Astra-Zeneca ist nur die Hälfte angekommen. Trotz Zusage des Handels, dieser Impfstoff sei im Moment unbegrenzt bestellbar. „Auf diese Weise kommen wir nicht voran“, meint Miehe, der die Kreisärzteschaft im Altkreis Nürtingen vertritt. Zwar sagt auch er: „Die Aufhebung der Priorisierung macht es leichter, überzählige Dosen an Mann und Frau zu bekommen.“ Aber: „Der Aufwand ist dadurch nicht geringer geworden.“ Zeitraubende Aufklärungsgespräche dienen schließlich nicht nur dazu, Risiken ins rechte Licht zu rücken. Es geht auch um Rechtssicherheit für die Ärztinnen und Ärzte.

Die Frist bis zur Zweitimpfung deutlich zu verkürzen oder Erstgeimpfte als vollständig geschützt zu betrachten, wie das Öster­reich vormacht, ist für die Mediziner hierzulande daher keine Option. „Solche Entscheidungen sind sachfremden Argumenten geschuldet“, sagt Miehe. „Wie so vieles bei diesem Thema.“

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