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Impfen in der Apotheke?

Medizin Die Wendlinger Kastell-Apotheke ist Teil eines Modellversuchs. Dabei brauchen AOK-Versicherte bei der Grippeimpfung nicht mehr zum Arzt. Von Barbara Gosson

André Renz demonstriert an einer Mitarbeiterin, wie in einem Nebenraum der Kastell-Apotheke im Wendlinger Kaufland die Impfung v
André Renz demonstriert an einer Mitarbeiterin, wie in einem Nebenraum der Kastell-Apotheke im Wendlinger Kaufland die Impfung verabreicht wird. Geimpft wird ab Oktober. Foto: Barbara Gosson

Alle Jahre wieder rollt eine Grippewelle durch das Land. Je nach Landstrich sind ein Viertel bis die Hälfte der Menschen über 60 Jahren gegen den aktuellen Stamm der Influenza geimpft, so eine Information des Robert-Koch-Ins­tituts. Um die Impfquote zu erhöhen, wurde nun vonseiten des Bundesgesundheitsministeriums in Zusammenarbeit mit dem Landesapothekerverband und der AOK Baden-Württemberg als mitgliederstärkster Krankenkasse ein auf drei Jahre ausgelegtes Modellprojekt gestartet, bei dem auch in Apotheken geimpft wird. Eine der wenigen Apotheken, die teilnehmen, ist die Wendlinger Kastell-Apotheke der Familie Renz im Kaufland in der Wertstraße.

Wissenschaftlich begleitet

Der angehende Arzt und Apotheker André Renz erläutert, wie seine Apotheke dazu kam und wie die Impfungen ablaufen sollten. Schon länger war in der Diskussion, die Apotheken in die Corona-­Impfkampagne mit einzubeziehen. In anderen Ländern wurde das so praktiziert. Nun also der Modellversuch zur Grippeimpfung, an dem recht exklusiv eine Reihe von Apotheken teilnimmt, die auch „Plochinger Kranz“ genannt wird. Neben der Region Esslingen-Göppingen sind auch Ostwürt­temberg und Mannheim betei­ligt. So soll geschaut werden, wie die Impfungen in ländlichen und städtischen Regionen angenommen werden. Teilnehmen konnten Apotheken, die bestimmte Bedingungen erfüllen, zum Beispiel einen Nebenraum, in dem die Impfung stattfinden kann und die Impflinge gegebenenfalls noch etwas bleiben können, da al­lergische Reaktionen in der ersten Viertelstunde auftreten können.

Die Impfenden müssen Apotheker sein, die zuvor geschult wurden. Für Renz, der gerade Arzt im Anerkennungsjahr ist, ist das Impfen kein Problem. Andere Apotheker seien da zurückhaltender und sehen das Verabreichen von Spritzen nicht als ihre Sache an. Außerdem gebe es da zwischen Ärzte- und Apothekerverbänden immer wieder Kompetenzenstreitigkeiten. „Die Apotheker haben nie aktiv nach den Impfungen gefragt“, sagt Renz. Bisweilen würden die Verbände politisch gegeneinander ausgespielt. Renz hat mit den Medizinerkollegen in der näheren Umgebung gesprochen, sie halten die Impfungen in den Apotheken für eine gute Sache, berichtet er. Entstehen die Streitigkeiten daraus, dass die einen denken, die anderen würden ihnen den Verdienst streitig machen? Renz erklärt: „Für die Corona-Tests bekamen die Apotheker weniger als die Ärzte, jetzt ist es umgekehrt. Das spaltet auch. Mit wäre es wichtig, dass die gleichen Leistungen gleich vergütet werden.“

Die Apotheken sollen ein niederschwelliges Angebot machen. Renz möchte in den kommenden Monaten ausprobieren, was am bes­ten funktioniert: Feste Zeiten, zu denen geimpft wird? Terminvereinbarung? Der spontane Besuch vor dem Einkauf?

Kommen können im Modelllversuch AOK-Versicherte über 18 Jahre ohne problematische Vorerkrankungen. Mit ihnen wird ein Aufklärungsgespräch geführt, nach Allergien und Krankheiten gefragt, die nötigen Daten erhoben, dann geschieht die eigentliche Impfung im Nebenzimmer, wo auch eine Patientenliege steht. Fühlen sich die Leute gut, können sie auch gleich weitergehen, sonst eine Viertelstunde warten. Natürlich wird die Impfung auch im Impfpass dokumentiert. Am Ende wird der Modellversuch wissenschaftlich ausgewertet. Danach wird sich zeigen, ob Impfungen künftig regelmäßig und für Versicherte aller Kassen in Apotheken angeboten werden. Noch Zukunftsmusik wäre eine Kombinationsimpfung gegen Grippe, Corona und Lungenentzündung.

Verstärkte Nachfrage

Die Zeit, in der die Apotheken ins Impfen einsteigen, passt dazu, dass Betriebsärzte immer weniger Kapazitäten dafür frei haben und nur noch ab einer bestimmten Mindestanzahl in die Firmen gehen. Da ist es für Menschen, denen vielleicht die Zeit fehlt, extra einen Termin beim Arzt zu vereinbaren, eine Erleichterung.

Renz berichtet, dass es im vergangenen Herbst, als die Corona-­Impfung noch nicht auf dem Markt war, plötzlich eine verstärk­te Nachfrage nach Grippe-Impfungen gegeben habe. Das war insofern problematisch, da der Impfstoff eine längere Produktionszeit habe. Normalerweise würden die Hersteller schon im Frühjahr die Bedarfe abfragen für den Herbst. Geimpft werde ab Anfang Oktober, sodass die Immunität möglichst durch den ganzen Winter reicht.

Welche Apotheken außerdem am Modellprojekt teilnehmen, kann im Internet auf der Seite www.apotheker.de/grippeimpfung recherchiert werden.

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