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In der weißen Wildnis

Das Jotunheimen-Gebirge in Norwegen ist ein perfektes Terrain zum Schneeschuhwandern, was im Land der Loipen noch kaum verbreitet ist. Vom ruhigen Gehen mit Alurahmen an den Füßen bis zum abenteuerlichen Eiswandern im Tal des Sjoa-Flusses reicht das Wintererlebnis.

Von Karin Kura

Ein einzelner Baum mit kahlen Ästen ragt aus dem Schnee hervor. Wanderführerin Irene Asprion geht voran über das Hindsaeter-Bergplateau, das sich auf etwa 1000 Meter Höhe ausbreitet. Sie sinkt bis über die Knöchel ein und bereitet so eine Spur für die Schneeschuhgruppe, die im Gänsemarsch folgt.

Spätabends waren die Winterurlauber angekommen, nach fünf Stunden Fahrt von Oslo nach Lillehammer, dann noch ein gutes Stück im Gudbrands-Tal. Der Busfahrer chauffierte souverän durch Wind, Schnee und Eis. Winter können sie, die Norweger. Eine Woche lang dreht sich alles um die weiße Pracht, ganz ohne Pistenrummel: auf Schneeschuhen gehen, in Langlauf-Loipen gleiten und eiswandern am wilden Sjoa-Fluss. Dabei werden keine Gipfel gestürmt, gemächliches Tempo ist angesagt.

Der Schnee knirscht bei jedem Schritt. Unter der Spur, die Irene kreiert hat, schlummert eine Moorlandschaft. Über dieses Moor hinweg läuft die Gruppe vom Bergplateau hinab ins Tal des Sjoa-Flusses. Dort liegt an einem sonnigen Südhang das aus Kiefernholz erbaute Hindsaeter-Hotel am Rande des Jotunheimen-Nationalparks. In diesem „Heim der Riesen“ sind neben Gletschern die zehn höchsten Gipfel Norwegens zu Hause, allen voran der Galdhøpiggen mit 2469 Meter Höhe.

Leichte Einsteigertour

Schon der Blick auf die in der Sonne glitzernden Bergkuppen macht Lust, in die winterliche Gebirgslandschaft einzutauchen. Mit einer leichten Einsteigertour beginnt der erste Tag. Auf Schneeschuhen geht’s durch Kiefernwälder am Ufer der Sjoa. Ein sanfter Wind wirbelt durchsichtige Flockenschleier von den Ästen. Schneepuder rieselt auf die Nase.

Rote Bändchen hängen an einzelnen Bäumen. Sie zeigen, wo es langgeht. Die Stoffbänder hat André Sundero vom Hindsaeter-Hotel an Zweige geknotet, damit seine Gäste den richtigen Weg finden. Oberhalb der Baumgrenze dienen bemalte Stöcke der Orientierung.

André ist einer der ersten norwegischen Hoteliers, die Schneeschuhtouren anbieten. Bekanntlich kommen die Norweger ja mit Skiern an den Füßen zur Welt - nicht mit Schneeschuhen. Jedenfalls noch nicht. Denn die Trendwelle für den sanften Wintersport schwappt auch nach Skandinavien. So schlurfen und schlappen die Gäste wie Trapper mit Alurahmen an den Füßen über den Schneetrail entlang des Flussufers. Kleine Blaubeersträucher und Moosflechten lugen hervor. Die Füße heben sich über runde Steine, versteckt unter Schneehauben. Inzwischen ist es windstill geworden. Keine Kiefernnadel rührt sich, und nach zwei Stunden landen die Wanderer bei Torill. Früher oder später schneit hier jeder herein, denn Torill bietet die einzige Einkehrmöglichkeit weit und breit.

Man sitzt gemütlich in dem Holzhäuschen auf Bänken und lässt sich norwegische Waffeln mit Erdbeermarmelade schmecken. Wohlige Müdigkeit ergreift die Schneeschuhwanderer. Aber einfach einzuschlafen, das wäre schade - es könnte doch ein Nordlicht auftauchen. Wer will das schon verpassen?

Eisblumen an den Scheiben

Nachts ist es klirrend kalt, Eisblumen wachsen an den dünnen Fensterscheiben. Draußen funkeln die Sterne und prompt taucht in der Ferne ein heller Schein auf. Er überspannt die Bergsilhouetten wie der Lichterschein einer Großstadt. Doch rund um Hindsaeter gibt es keine Stadt. Lillehammer liegt am nächsten, 140 Kilometer entfernt. Allein der nächste Einkaufsladen ist 40 Kilometer weit weg. Nein, keine Stadt - es ist das Nordlicht!

Von minus sechs Grad am nächsten Morgen arbeitet sich das Thermometer noch hoch auf immerhin plus fünf Grad am Mittag. Heute führt André seine Gäste zum Eiswandern oder eher einer Art Eis-Canyoning an den Fluss. Die Sjoa ist ein wildes Gewässer, aber im Winter ganz friedlich, weil zu Eis erstarrt. Nach einer halben Stunde erreichen die Wanderer die Ridderspranget-Schlucht. Frostig schön ist die Szenerie des ruhenden Wildwasserstroms: erstarrte Kaskaden und Wasserwirbel, die scheinbar mitten in ihrer tanzenden Bewegung eingefroren sind. Vorhänge aus Eis verdecken kleine Höhleneingänge im Canyon, ein eiskalter Hauch weht aus dem Inneren heraus.

Im Sommer ist die Sjoa ein beliebtes Rafting-Revier, jetzt läuft und klettert die Gruppe mit Spikes unter den Schuhen hinter André durch die Schlucht mit Felswänden aus Schiefergestein. Mithilfe von mitgebrachtem Holz gibt’s ein Feuer im Schnee, dazu ein paar Grillwürstchen. Warm und gemütlich wird es nun inmitten dieser Welt aus Eis und Stein.

Norwegen

Anreise

Flüge ab Frankfurt nach Oslo mit Lufthansa (www.lufthansa.com) oder SAS

(www.flysas.com). Weiter mit dem Zug nach Otta. Der Bahnhof liegt 60 Kilometer vom Hotel Hindsaeter entfernt, das Hotel bietet einen Abholservice.

Unterkunft und Veranstalter

Das kleine historische Berghotel Hindsaeter existiert seit 1898. Tolle Lage am Rande des Nationalparks. DZ/F ab etwa 71 Euro pro Person, www.hindseter.no

Wikinger Reisen bietet eine Winterreise mit geführten Schneeschuhtouren, Eiswandern und Langlauf: „Aktiv in Jotunheimen“, 8 Tage inklusive Flug nach Oslo, Transfers und Halbpension ab 1669 Euro pro Person, www.wikinger-reisen.de.

ASI Reisen hat eine ähnliche Winterreise nach Jotunheimen im Programm,

www.asi-reisen.de.

Aktivitäten

Infos zur Hundeschlittentour ab Torill’s Campingplatz: www.sjodalenhyttetun.no.

Im Park gibt es auch Schneeschuh-Trails und Langlaufloipen. Etwa 60 Kilometer umfasst das Loipennetz in der näheren Umgebung.

Allgemeine Informationen

Beim norwegischen Fremdenverkehrsamt finden Sie weitere Informationen:

www.visitnorway.de

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