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In die Stadt gebeamte Barhocker suchen „Besitzer“

Kunst Veit Stratmanns „Module für Kirchheim“ bieten bis 26. September spannende Begegnungsmöglichkeiten.

Kirchheim. Das Design erinnert an die Science-Fiction-Serien der 1960er-Jahre: wie Barhocker aus einer Weltraumdisco, unvermittelt in den heutigen Stadtraum von Kirchheim gebeamt. Sie laden zum Erklettern und Sitzen ein, vor allem durch das frische Orange der kreisförmigen Flächen, die als Lehne und Sitzfläche dienen. Das Kunstprojekt „Module für Kirchheim“ von Veit Stratmann, der 1960 in Bochum geboren wurde, wird vom Kunstbeirat der Stadt Kirchheim getragen und von Beiratsmitglied Dr. Heiderose Langer kuratiert.

Die zehn ­Module bestehen aus speziell gestalteten Sitzmöbeln, die bis 26. September in Kirchheim bleiben. Sie können in dieser Zeit von allen Passanten und Interessierten benutzt und „besetzt“ werden. Coronabedingt wurde auf eine Vernissage verzichtet und die Eröffnungsveranstaltung durch ein Künstlergespräch vor dem Kornhaus ersetzt.Der Beirat hat schon auf der Ausgleichsfläche im Park einen alternativen Ausstellungsort gefunden und interessante Projekte, die für alle Bürger zugänglich sind, veranstaltet. Die Arbeit von Veit Stratmann, der an der École Natio­nale Supérieure des Beaux-Arts in Lyon lehrt und in Paris lebt und arbeitet, wirkt so noch differenzierter im Stadtgebiet und ist somit auch für Passanten, die nicht auf die Begegnung mit zeitgenössischer Kunst vorbereitet sind, erlebbar. Wer sie gezielt sucht, findet unter staedtischegaleriekirchheim.com die Standorte. Der urbane Flaneur kann mehrere Module entdecken und vergleichen. Er hat dabei alle Möglichkeiten: die Situation genießen, die Ausblicke aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, ästhetisch werten und in Beziehung zur Gesamtstruktur der Stadt setzen. Unter #Stratmann­InKirchheim kann jeder seine Fotos teilen.

Das Herumsitzen im öffentlichen Raum ist sonst eher unerwünscht. Er ist traditionell und gesetzlich als Bewegungsraum definiert. Folglich muss alles vom Ordnungsamt genehmigt werden, was diese Bewegung aufhält. Dazu zählen Bestuhlungen von Cafés und Restaurants, aber dank Corona ist mancherorts auch das polizeilich überwachte „Verweilverbot“ auf Parkbänken hinzugekommen. Die Frage, ob ein Sitzen im öffentlichen Raum ohne damit einhergehenden Konsum berechtigt ist, steht in neoliberal denkenden Zeiten besonders unter Vorbehalt.

Für den Künstler selbst steht die Frage danach, was Kunst im Kern ausmacht, im Mittelpunkt. So hat er nicht nur die Module entworfen und positioniert, er sieht auch „das Verhältnis der Betrachter zu den Modulen oder der Betrachter zueinander“ in einem Bereich des Werkes, das er als Künstler nur initiieren kann. Die Teilnehmer können das Projekt partizipativ weiterentwickeln. Was dann passiert, geht aber in die Verantwortung der Betrachter und Benutzer über, die temporäre „Besitzer“ der Module sind.

Es empfiehlt sich, mindestens zwei Sitz- oder Standorte aufzusuchen und vergleichend zu „besetzen“.Kai Bauer

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