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Ist Theater überhaupt noch nötig?

Kultur Das Landestheater Schwaben gastiert mit John Clancys „Event“ in der Kirchheimer Stadthalle.

Kirchheim. Nach fast einem Jahr Pause gibt es wieder Theater in der Stadthalle: Zwar coronabedingt ohne Einführung ins Stück und mit ausgedünntem Zuschauerraum, doch der Vorhang ist schon offen und die Bühne wird sich bald beleben. Wie zu erwarten, geht das Licht aus. Bleibt ungewöhnlich lange aus. Man sitzt in einer Black Box. Dann steht in einem Lichtkegel ein Schauspieler und beginnt davon zu sprechen, wie er sich zu Beginn eines Stückes als Schauspieler fühlt.

Nun wird klar: Florian Stegmaier vom Kulturring hat zum Neustart der Theatersaison ein Stück gewählt, das das Theater und seine Mittel selbst zum Thema macht. Außerdem ist es in Coronazeiten sehr geeignet. Bei „Event“ des zeitgenössischen amerikanischen Regisseurs und Autoren John Clancy handelt es sich um einen Monolog eines Schauspielers, der über seine Befindlichkeit bei diesem neuen Auftritt nachdenkt.

Neu dabei ist, dass er unversehens auch auf seine Befindlichkeit als Privatmensch zu sprechen kommt. Er führt also einen Dialog mit sich selbst. Als Schauspieler spricht er einen auswendig gelernten Text, lächelt, schreit, versinkt in sich oder was auch immer, auf jeden Fall bietet er das, was ihm Autor und Regie vorgegeben haben. Und das vor Zuschauern, „fremden Menschen“, die vielleicht einschlafen oder deren Erwartungen gespannt sind. Diese werden aber gleich von der Privatperson in ihm gedämpft: „Mögen Sie schlussfolgern was Sie wollen.“

Der Schauspieler wird zum Moderator zwischen Bühne und Publikum und kommt dann auf das zu sprechen, was an einem Theaterabend noch mitwirkt: auf den sprachlosen, aber mächtigen Beleuchter, auf die Requisiten, die auf der Bühne eine multifunktionierende Bedeutung bekommen, wie an einem weißen Stuhl demonstriert wird. Natürlich dürfen bei einem Theaterabend auch die Kritiker nicht fehlen, und natürlich sind sie meist ignorant.

Schauspieler als Privatperson

Der Übergang vom Schauspieler zur Privatperson geschieht immer wieder gleitend. Die Privatperson bemerkt über den eigenen Auftritt als Schauspieler: „Die Hoffnung, unterhalten zu werden, gerät gerade ins Wanken.“ Oder sie schaut auf die Uhr und teilt dem Publikum mit, wie viele Minuten es noch zu überstehen habe. Ist das Theater also nur Schein ohne Sein? Bei aller Desillusionierung animiert Clancy die Menschen weiterhin, ins Theater zu gehen. Sein Akteur als Privatmann diagnostiziert eine chaotische Welt, in der eine wild gewordene Kommunikation unter den Menschen herrscht, die auf der Sinnsuche sind.

Im Theater geschieht ein Moment der konzentrierten Begegnung von Publikum und Bühne. Dabei werden Fragen aufgeworfen, nicht beantwortet. Die Zuschauer haben die Chance, sich zu sensibilisieren, ihre Empathie zu stärken und unechtes theatralisches Verhalten von Mitmenschen zu erkennen. Denn nach Shakespeare ist „die ganze Welt eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler“.

Clancys Stück, das auf der ganzen Welt gespielt wird, ist witzig und pointiert, was bei der Inszenierung des Landestheaters Schwaben etwas zu kurz kommt. Für Schwierigkeiten bei der Akustik kann sie nichts, das ist der Stadthalle mit ihrer oft beklagten schlechten Ausstattung geschuldet. Doch der erste Theaterabend nach langer Zeit ging mit nachdrücklich anerkennendem Applaus zu Ende für Alleinunterhalter Klaus Philipp. Der hat im beachtlichen sprachlichen Dauereinsatz höchst konzentriert eine ganze Palette von sprachlichen Variationen und korrespondierenden körperlichen Einsätzen vorgeführt.Ulrich Staehle

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