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Jacken und Schuhe lassen auf sich warten

Wirtschaft Wie andere Branchen, kämpfen auch Sport- und Modehändler mit Liefer­engpässen. Ein Grund ist die eingeschränkte Produktion in Fernost. Von Anke Kirsammer

Philip Renken von Intersport Räpple hat nach wie vor genügend Ware da. In einzelnen Segmenten verzögert sich der Nachschub jedoc
Philip Renken von Intersport Räpple hat nach wie vor genügend Ware da. In einzelnen Segmenten verzögert sich der Nachschub jedoch enorm. Foto: Carsten Riedl

Die Botschaft des Spruchs, „Was kratzt es uns, wenn in China ein Sack Reis umfällt?“, stimmt längst nicht mehr. Weil es in Fernost klemmt, bekommen auch Läden in Kirchheim bestellte Ware oft verspätet. „Solche Probleme hatten wir noch nie“, sagt beispielsweise Philip Renken, Geschäftsführer von Intersport Räpple.

Besonders betroffen von dem Engpass sind Lauf- und Wanderschuhe, aber auch Funktionsbekleidung. Es ist ein ganzes Bündel an Ursachen, das Renken nennt: Zeitweise für den Außenhandel gesperrte Häfen in China gehören genauso dazu wie Rohstoff- und Materialmangel. Häufig sind die Container beziehungsweise Schiffe nicht da, wo sie gebraucht werden. Wie der Geschäftsführer erklärt, spielt auch die Diskussion um den CO2-Ausstoß herein: Während Firmen in China seither 16 bis 17 Stunden produzierten, würden sie jetzt nach zwölf Stunden dichtgemacht. Ein Thema ist zudem der Schwund von Containern: Schiffe werden momentan höher beladen als normalerweise. Um Zeit zu sparen, wird selbst durch schwere Stürme gefahren. „Bis ­Mitte Juni sind auf den Weltmeeren mehr Container verloren gegangen als sonst das ganze Jahr über. Es passieren Dinge, die man sich nicht vorstellen kann“, sagt Philip Renken. Hinzu kommt: Corona beutelt in Fernost manche Länder nach wie vor stark. So sind in Vietnam seit Wochen die Fabriken geschlossen. „80 Prozent der Laufschuhe kommen von dort“, erklärt Philip Renken. Schon jetzt weiß er, dass er sich bei Aufträgen für 2022 teilweise auf Rückstände von bis zu 16 Wochen einstellen muss.

Modegeschäfte bekommen den Engpass ebenfalls zu spüren. „Es ist von Lieferant zu Lieferant sehr unterschiedlich“, sagt Karl Bantlin, Vorsitzender des Kirchheimer City Rings. Er musste bangen, ob Jacken und Mäntel rechtzeitig zur kühleren Jahreszeit eintreffen. Ein bis anderthalb Monate später als sonst seien sie schließlich Ende September, Anfang Oktober gekommen. Er wisse aber von Kollegen, dass sie keine Jacken und Mäntel im Haus haben.

Bei Ralf Gerber, Geschäftsführer von Fischer-Moden, beispielsweise, hat sich der Liefertermin für leichtere Jacken vom Spätsommer auf Anfang November verschoben. „Dann wird es schwierig, sie zu verkaufen“, gibt er zu bedenken. Er nimmt kein Blatt vor den Mund: „Bei Schuhen ist es mittlerweile ein Desaster.“ Bekleidung gebe es zwar genügend für jeden zu kaufen, aber nicht unbegrenzt und eben auch nicht immer genau die Teile, die die Kunden wünschen. Selbst Standardware bekomme er zum Teil nicht zeitnah nachgeliefert. So kämen Hemden in Champagner oder Beige erst vor Weihnachten wieder. „Wenn Männer einkaufen, wollen sie üblicherweise gleich etwas mitnehmen“, sagt Ralf Gerber. Dennoch stoße er auf Verständnis, würden doch viele seiner Kunden Lieferschwierigkeiten beispielsweise aus der Automobilbranche kennen. „Im Textilbereich ist das aber völlig neu.“ Der Spezialist in Sachen Herrenmode kennt nur einen Ausweg aus dem Dilemma: „Ich schaffe mir mein eigenes Lager.“ Das gehe jedoch nur, weil er in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet habe und über die notwendige Liquidität verfüge.

Ausgestanden ist für Ralf Gerber die Pandemie noch lange nicht: „Wir vergessen, welche Probleme wir vor einem Jahr hatten. In Vietnam sind vielleicht fünf Prozent der Bevölkerung geimpft.“

Auf europäische Hersteller - sofern es überhaupt noch welche gibt - zu setzen, ist dem Händler zufolge nicht einfach. Ein Problem sind die Preise, und es hapert auch dort an Nachschub. Ein Lieferant aus Portugal habe ihn auf Februar vertröstet, obwohl die Ware für September angekündigt war. „Er bekommt keine Öko-Baumwolle her“, erklärt Ralf Gerber. Gleiches habe ihm ein Hosenhersteller mit einem Werk in Rumänien gesagt.

„Ich habe zurzeit ein völlig anderes Berufsbild“, erzählt der Herrenausstatter. „Bisher musste ich überlegen, wo ich etwas einkaufe, jetzt überlege ich, wie ich die Ware bestelle, damit ich sie nächs­tes Jahr im Regal habe.“ Weil nach jetzigem Stand 2022 ein Hochzeitsboom bevorsteht, geht er in diesem Segment „in die Vollen“. Dabei nimmt Ralf Gerber das Risiko in Kauf, dass es neue Coronavarianten und damit eventuell einen neuen Lockdown gibt.

Betroffen von den Lieferengpässen sind auch Schmuck- und Uhrenläden, die vorrangig billige Ware aus Fernost verkaufen. Sabine Mauser, Inhaberin von Juwelier Schairer, ist deshalb froh, dass sie ihre Ware hauptsächlich von deutschen und schweizerischen Lieferanten bezieht. Zwar seien die Produkte oft teurer, dafür aber langlebiger und deshalb nachhaltiger als Artikel aus Billiglohnländern.

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