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Jetzt reicht der Blick bis ins kleinste Gefäß

Medizin Neuer Hybrid-Operationssal in Nürtinger Klinik ermöglicht mit modernster bildgebender Technik Eingriffe auf höchstem Niveau. Von Uwe Gottwald

Hochmoderne Technik, wohin das Auge auch blickt: Der neue hybride Operationssaal in der Nürtinger Klinik ist ein echter Meilenst
Hochmoderne Technik, wohin das Auge auch blickt: Der neue hybride Operationssaal in der Nürtinger Klinik ist ein echter Meilenstein in der Gefäßchirurgie und ermöglicht minimalinvasive Eingriffe mit detailiertem Einblick in Echtzeit.Foto: Jürgen Holzwarth

Seit Ende vergangenen Jahres sind in der Nürtinger Klinik zwei neue Operationssäle in Betrieb. Einer davon ist ein Hybrid-OP, also eine Einrichtung, die mehrere Funktionen in sich vereint. Der hochmoderne OP-Saal bietet nicht nur die übliche Technik, er ist zudem mit bildgebenden Systemen ausgestattet, die dem Operateur einen detaillierten Einblick in Echtzeit ermöglichen. Der Hybrid-OP bietet sich vor allem auch für minimalinvasive Eingriffe an, besonders dann, wenn es um feinste Strukturen im menschlichen Körper geht. Deshalb soll er vor allem in der Gefäßchirurgie verwendet werden.

Seit seiner Amtseinsetzung als Chefarzt im Dezember 2019 baut Dr. Christoph Lutz auf dem Nürtinger Säer die neue Klinik für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin auf. Mit seinen Fachkenntnissen, gerade auch zu den neuen Operationsmöglichkeiten, erweitern die Medius-Kliniken in der Trägerschaft des Landkreises Esslingen ihr medizinisches Angebot mit einer Disziplin auf höchstem Niveau. Der 54-jährige Chirurg hat sich zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn auf offene Operationen am Herzen und an den Gefäßen spezialisiert, sich aber durch Zusatzausbildungen weitreichende Kenntnisse als endovaskulärer Chirurg in der interventionellen Gefäßchirurgie mit Ballons, Stents und Gefäßprothesen erworben. Gleichzeitig sammelte er Erfahrungen in der Auswertung von bildgebenden Verfahren wie der Computertomografie und der Mag­netresonanztomografie.

Bei offenen Operationen sind mehr oder weniger große Schnitte nötig, um zum Beispiel Ver­engungen, Verschlüsse oder krankhafte Erweiterungen von Blutgefäßen wie Arterien und Venen zu beheben. Zunehmend kommen jedoch minimalinvasive Methoden zum Einsatz. Die Kombination beider Verfahren in einer Hand wird in Nürtingen praktiziert. Mit der minimalinvasiven Methode können verengte beziehungsweise verschlossene Gefäße wieder geöffnet, aber auch krankhaft erweiterte Gefäße von innen heraus abgedichtet werden. Hierzu dienen spezielle Katheter, die über medizinische Drähte in die Gefäße eingebracht werden. So kann beispielsweise mithilfe eines Ballonkatheters mit sechs bis 20 Bar Druck ein verschlossenes Gefäß geöffnet und die Durchblutung wieder hergestellt werden. Verbleiben noch Engstellen, kann als innere Gefäßstütze ein Drahtgeflecht, Stent genannt, zum Einsatz kommen.

„Der Vorteil der minimalinvasiven Methode ist der verhältnismäßig kleine Eingriff über eine Punktion mit dem Katheter“, erklärt Dr. Lutz. Das erspart größere Wunden und daraus folgende Belastungen und Risiken, vor allem bei älteren Patienten. Gerade diese Gruppe ist es auch, die zunehmend von der Gefäßchirurgie profitiert. Die Menschen werden immer älter und mit ihnen ihre Gefäße. Beim Anblick der relativ feinen Stents wird klar, dass sich der Chirurg im wahrsten Sinn des Wortes ein präzises Bild machen muss, um sie mithilfe des Katheters zielgenau in ebenso feine Gefäße wie zum Beispiel in Blutbahnen der Unterschenkel einzubringen. Das geschieht vor und während des Eingriffs. Mithilfe der bildgebenden Technik kann Lutz das Ausmaß der Schädigung beurteilen, sie möglichst exakt lokalisieren, in Echtzeit überprüfen, ob der Katheter richtig platziert ist und die Führungsdrähte ihr Ziel exakt erreichen.

Wie das aussieht, zeigt Dr. Lutz vor Ort. In der Mitte des hoch­sterilen OP-Saals ist der OP-Tisch platziert. Auch an ihm können verschiedene Schutzvorrichtungen wie Bleiglas oder Bleivorhänge installiert werden. Der OP-Tisch ist rundum für das bildgebende Gerät zugänglich und besteht deshalb aus Carbon, das auch von unten eine Durchleuchtung des Patienten ermöglicht. Außerdem kann das Aufnahmegerät in verschiedenen Winkeln angesetzt werden.

Daneben befindet sich ein Bildschirm samt Steuerungsgeräten. Auf diesem kann der Operateur sich zuvor mit dem Computertomografen erstellte Bilder einspielen und gleichzeitig Echtzeitaufnahmen betrachten, die der Röntgenbogen erstellt, während er automatisch in der horizontalen und vertikalen Achse um den Patienten herumgeführt wird. Die Kopplung mehrerer Systeme ermöglicht ein dreidimensionales Bild. Alles rund um den Tisch wurde so angeordnet, dass ein reibungsloser Ablauf gewährleistet ist. Da spart Lutz auch nicht mit Lob für die Klinik: „Es wurde ordentlich und vor allem an der richtigen Stelle investiert.“ Der Hybrid-OP und der zweite, herkömmliche OP, haben inklusive Anbau und Ausstattung rund zehn Millionen Euro gekostet.

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