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„Judenhass hat sich globalisiert“

Vortrag Der Antisemitismus-Beauftragte der Landesregierung hat in Nürtingen die Rolle sozialer Medien thematisiert.

Nürtingen. Der Antisemitismus ist wieder da. Oder war er niemals ganz verschwunden? Michael Blume, der Beauftragte gegen Antisemitismus der Landesregierung, war zu Gast in Nürtingen. „Lange Zeit hat man geglaubt, dass der Antisemitismus ein abgeschlossenes Problem ist“, sagte Michael Blume. Dabei komme der Hass auf Juden aus unterschiedlichen politischen und religiösen Richtungen. Egal, ob von rechts oder links, aus christlichen oder islamischen Kreisen: Objekt des Hasses sind die Juden schon seit Jahrhunderten. „Der Hass darf in Deutschland niemals wieder so stark werden“, sagt Blume. Man müsse ihm entgegentreten.

Vor Kurzem hat sich Blume von den sozialen Medien verabschiedet. Zum einen, weil ihm das Geschäftsmodell missfällt. Zum anderen aber auch, weil das rechte Portal „Breitbart News“ in den Facebook Newsroom aufgenommen wurde. Für Blume ist das zuviel gewesen. Die Polarisierung, die in den sozialen Medien stattfinde, wirke sich auf die Gesellschaft aus, so Blume. „Wir sollten dieses Spiel nicht mehr mitspielen.“

Aufwind durchs Internet

Durch das Internet habe auch der Antisemitismus neuen Aufwind erhalten: „Er hat sich globalisiert“, sagt Blume. So gebe es mittlerweile Judenhass, wo es gar keine Juden gibt. Beispielsweise in Korea. Vorbehalte gegen Juden seien von der Antike bis heute von Herrschern und religiösen Gruppen geschürt worden.

Misstrauen geweckt habe etwa deren hoher Bildungs- und Alphabetisierungsgrad, die Demokratisierung der Bildung und die Aufforderung, einen Rechtsstaat zu errichten. Antisemitismus richte sich gegen diese Werte. „Er fängt bei Juden an, aber er endet nicht bei Juden“, so Blume. „Er richtet sich gegen die freiheitliche und rechtsstaatliche Ordnung.“ Der wieder aufkeimende Antisemitismus habe seinen Höhepunkt noch nicht erreicht, warnt er. Die Gewalt gegen Juden werde weiter zunehmen: „Aber diesmal wird es nicht gelingen, unsere Demokratie zu zerstören.“ Philip Sandrock

Dr. Michael Blume wurde 1976 in Filderstadt geboren. Nach einer Bankausbildung studierte er Religions- und Politikwissenschaften in Tübingen, wo er zu Religion und Hirnforschung promovierte. Das Amt des Antisemitismus-Beauftragten hat er neben seiner Tätigkeit als Leiter des Referats „Nichtchristliche Religionen, Werte, Minderheiten, Projekte Nordirak“ inne.

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