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Katastrophenjahr für Biene und Co.

Natur Selbst erfahrene Imker können sich nicht an eine vergleichbare Saison erinnern. Die Honigernte in der Region ist komplett ausgefallen. Bienenvölker waren ohne Fütterung teilweise dem Tod geweiht. Von Thomas Schorradt

Weil die Bienen in freier Natur kaum Nahrung fanden, musste Imker Robert Gleich schon früh zufüttern.Foto: Roberto Bulgrin
Weil die Bienen in freier Natur kaum Nahrung fanden, musste Imker Robert Gleich schon früh zufüttern.Foto: Roberto Bulgrin

Klaus Wallner beschäftigt sich seit rund 50 Jahren intensiv mit Bienen - was als Hobby begann, hat er später zum Beruf gemacht. Aber so etwas wie in diesem Jahr hat der promovierte Biologe, der an der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim lehrt und forscht, noch nie erlebt. „Die Honigernte in dieser Saison ist komplett ausgefallen. Nur wer die Not der Bienen rechtzeitig bemerkt und schon im Frühjahr seine Völker zusätzlich gefüttert hat, hat sie vor dem Verhungern bewahrt“, sagt er. Die Völker hätten sich nicht selbst versorgen können. „Das war das schlechteste Bienenjahr in der Region seit bestimmt mehr als 50 Jahren“, sagt Wallner.

Eine ganze Generation fehlt

Während die Honigbienen dank der Fürsorge der Imker immerhin die Chance bekommen haben, die anhaltende Durststrecke zu überleben, sieht Wallner für die wild lebende Verwandtschaft schwarz. „Hummeln, Wespen und Hornissen sind in ihren Nestern verhungert“, sagt er. Auch die Bienen, die im Frühjahr geschwärmt seien, hätten keine Überlebenschance gehabt. Seine düstere Prognose: „Im nächsten Jahr wird eine ganze Generation von Insekten fehlen - und damit auch ein wichtiges Glied in der Nahrungskette.“

Diese beunruhigende Erfahrung hat Joachim Gleich schon in diesem Sommer gemacht. Der Imker, der dem Bezirksimkerverein Kirchheim und damit einem der mit mehr als 300 Mitgliedern größten Imkervereine in Baden-Württemberg vorsteht, hat in diesen Tagen über den Standorten seiner rund 150 Bienenvölker auffällig viele Schwalben gesehen. „Weil keine anderen Insekten fliegen, müssen die Vögel in ihrer Not wohl auf meine Bienen zurückgreifen“, vermutete der erfahrene Imker.

Dabei schmerzt ihn gerade in diesem Jahr der Verlust jeder einzelnen Biene. „Völker, die sonst eine Trachtstärke von bis zu 50 000 Bienen haben, sind in diesem Jahr bei knapp mehr als der Hälfte vor sich hingedümpelt“, sagt er. Die Brot- und Buttertracht im Bienenjahr, die Obstblüte, sei des Frosts und des durchgängig schlechten Wetters wegen im Frühjahr komplett ausgefallen, ebenso die Waldtracht. Den Raps habe es verregnet und selbst die Lindenblüte im Sommer sei auch keine große Hilfe gewesen. Selbst die wenigen Nahrungsquellen, die sich die Bienen in diesem Jahr theoretisch noch hätten erschließen können, seien nach dem katastrophalen Frühjahr ungenutzt geblieben. „In den schon früh dezimierten Völkern war einfach nicht genügend Personal da, das zum Sammeln hätte ausfliegen können“, sagt Gleich.

Für ihn, der die Imkerei im Nebenverdienst betreibt, war das Bienenjahr 2021 auch finanziell ein heftiger Schlag ins Kontor. In einem normalen Jahr trägt ein Bienenvolk durchschnittlich 25 Kilogramm Honig ein. „Jetzt habe ich auf das Honigschleudern ganz verzichtet. Es war einfach nichts da. Dafür habe ich von April bis Juni mehr als eine Tonne Zuckersirup zugefüttert - nur, um das Überleben meiner Völker zu sichern“, sagt er. Unterm Strich habe er in diesem Jahr ein Minus von 10 000 Euro eingefahren. Er kenne eine Reihe von Berufsimkern, die sich nach diesem Einbruch beruflich neu orientieren und ihre Restvölker abstoßen würden.

Auf der anderen Seite stehen die rund 30 Neueinsteiger, die der Fachmann durch das Bienenjahr geführt hat - erstmals seit der Coronapause im vergangenen Jahr wieder vor Ort am Lehrbienenstand in der Kirchheimer Hahnweidstraße. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben Robert Gleichs Worten zufolge gleich bitteres Lehrgeld bezahlen müssen. „Ich habe mehr als sonst üblich nach den Bienen des Kurses schauen müssen. Aber wir haben nicht alle retten können“, sagt er.

Sein einziger Trost für die Einsteiger: „Es kann nur noch besser werden. So etwas kommt nicht alle Jahre vor.“ Diese Hoffnung teilt er mit dem Hohenheimer Wissenschaftler. „Neues Jahr, neues Glück“, sagt auch Klaus Wallner.

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