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Kinder sind reif für die „einsame Insel“

Ferienwaldheim Am Ludwig-Uhland-Gymniasum und im Doschler betreut die Evangelische Kirche in zwei Wochen 180 Kinder und Jugendliche – unter Corona-Bedingungen mit Abstand und „Schichtwechsel“. Von Andreas Volz

Oberbürgermeister Pascal Bader (zweiter von rechts) hat gestern im Ferienwaldheim am Ludwig-Uhland-Gymnasium mit dem Funktionärs
Oberbürgermeister Pascal Bader (zweiter von rechts) hat gestern im Ferienwaldheim am Ludwig-Uhland-Gymnasium mit dem Funktionärsteam zu Mittag gegessen und anschließend Eis an die Kinder verteilt.

Was „normal“ ist und was nicht, lässt sich in Zeiten der Pandemie noch weniger sagen als sonst. Das gilt auch fürs Ferienwaldheim der Evangelischen Kirche Kirchheim: Normal ist es für die Kinder, dass es zwei Mal in der Woche einen Schnelltest gibt. Auch das Händewaschen hat sich etabliert. „Da gibt es ein ganz anderes Bewusstsein“, berichtet Felix Vogl, der Leiter des Waldheims für die 12- bis 14-Jährigen im Doschler. „Zum Händewaschen braucht es keine große Aufforderung, das machen alle von selbst.“

Das Programm des Ferienwaldheims ist so normal wie es nur geht. Beim mittäglichen Besuch von Oberbürgermeister Pascal Bader am Ludwig-Uhland-Gymnasium erzählen die jüngeren Teilnehmer von Spiel, Sport, Bas­teln. Auch bei den besinnlicheren Programmpunkten stellt Jugendreferent Klaus Onischke fest: „Die Kommentare der Kinder sind nicht viel anders als vor der Pandemie. Die fragen mittendrin auch mal: ,Wann spielen wir Fußball?‘“

Corona-Einschränkungen sind vor allem für die beiden jüngsten Jahrgänge im Waldheim ganz normal. „Erst- und Zweitklässler kennen das gar nicht anders“, meint Pfarrer Axel Rickelt, und Oberbürgermeister Bader ergänzt: „Die wissen oft gar nicht, dass man auf dem Schulhof toben kann.“

Corona hat also auch spürbare Folgen: „Was körperliche Betätigung angeht, gibt es gewaltige Defizite - bei den Mitarbeitern noch mehr als bei den Kindern“, sagt Klaus Onischke, der die Gesamtleitung innehat. Es gebe so einiges aufzuholen, auch beim Sozialverhalten. „Spielen ist das eine. Wenn man das aber lange nicht mehr mit so vielen anderen gemacht hat, müssen manche auch das Verlieren wieder ganz neu lernen.“

Nur eine Woche pro Teilnehmer

Was Kinder und Jugendliche eint, ist die Freude, im Ferienwaldheim wieder möglichst unbefangen mit Gleichaltrigen den Tag verbringen zu können. Leider gibt es für die insgesamt 180 Teilnehmer in Kirchheim nicht das volle Zwei-Wochen-Angebot. Um Abstands- und Hygieneregeln einhalten zu können, ist das Waldheim zum zweiten Mal hintereinander geteilt: Nach einer Woche ist Schichtwechsel. Gestern hat bereits die zweite Woche begonnen - mit ganz neuen Teilnehmern.

Das hat Vor- und Nachteile. „Wenn man sich am Ende der ers­ten Woche gerade ein bisschen kennengelernt hat, kommt schon der Wechsel“, bedauert Klaus Onischke. Felix Vogl betont das Positive: „Durch die kleineren Gruppen entstehen engere Bindungen. Manchen unserer Kinder und Jugendlichen tut das jetzt gerade richtig gut, wenn wir mehr auf sie eingehen können.“

Ob von der Vereinsamung, die Corona mitgebracht hat, inspiriert oder nicht - das Thema am Ludwig-Uhland-Gymnasium lautet: „Gestrandet auf der einsamen Insel“. Schon das Abhaken der Anwesenheitsliste wird spannend gestaltet, indem man es als „Überlebenden-Prüfung“ darstellt: Nach Schiffbruch oder Flugzeugabsturz ist zu klären, ob alle da sind. Auch die älteren Jahrgänge, im Doschler, setzen auf einen Neustart nach der Pandemie: Ihr Motto „Zurück auf Los“ bezieht sich auf Monopoly, was die Teilnehmer durch die Woche begleitet. Selbst das Tagesprogramm wird ausgewürfelt. Höhepunkt der vergangenen Woche war das gemeinsame Übernachten in Zelten im Garten des CVJM-Heims. „Da waren fast alle dabei - und alle waren begeistert“, berichtet Felix Vogl. Auch für Abkühlung ist gesorgt, wenn es wieder richtig heiß wird: Der Zugang zur Lauter ist neu gestaltet.

Bei den Jüngeren am Ludwig-Uhland-Gymnasium fällt die Abkühlung zum zweiten Mal in Folge flach: Traditionell hat die Feuerwehr immer eine „Spritztour“ zum Ferienwaldheim unternommen. Das geht unter Pandemie-Bedingungen nicht. Klaus Onischke setzt in diesem Fall auf nächs­tes Jahr: „Es gibt auch dann wieder ein Waldheim, und wir hoffen auf mehr Normalität. Kein Waldheim ist definitiv keine Alternative.“

Schließlich gibt es das Ferienwaldheim in Kirchheim seit rund 70 Jahren. Was es die ganzen Jahrzehnte über gab, war ein engagiertes Mitarbeiterteam. Daran hat sich nichts geändert. Und dar­über freut sich Klaus Onischke mindes­tens genauso, wie sich die Kinder gestern über das Eis freuten, das Oberbürgermeister Pascal Bader nach dem Mittagessen verteilte. Immerhin: Die Begeisterung der Schulkinder über die Schleckerei ist so normal wie eh und je.

Rasen und Bäume im Garten des CVJM-Vereinsheims im Doschler erinnern  bei den 12- bis 14-Jährigen noch ein wenig an den „Wald“ a
Rasen und Bäume im Garten des CVJM-Vereinsheims im Doschler erinnern bei den 12- bis 14-Jährigen noch ein wenig an den „Wald“ als zentralen Begriff des Ferienwaldheims. Fotos: Markus Brändli
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