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Kunst wie für die Kirche gemacht

Kultur Mit Bildern des äthiopischen Künstlers Tesfaye Urgessa in der Kreuzkirche startet das Kulturamt Nürtingen aus der corona-bedingten Kunst-Pause. Die Eröffnung soll online stattfinden. Von Nicole Mohn

Tesfaye Urgessa hat in Nürtingen seine Heimat gefunden. Foto: zog
Tesfaye Urgessa hat in Nürtingen seine Heimat gefunden. Foto: zog

Wie ein schwarzes Loch kommt Oberbürgermeister Dr. Johannes Fridrich die Zeit ohne all die vielen unterschiedlichen Kulturveranstaltungen in der Stadt vor. Kein Theater, kein Konzert, keine Ausstellungen seit Mitte März. Nun wagt das städtische Kulturamt den vorsichtigen Neustart mit der alljährlichen großen Sommerausstellung in der Kreuzkirche. Dort zeigt Tesfaye Urgessa seine Bilder, in deren Fokus vor allem Menschen und ihre Beziehungen stehen.

Großformatig, stark und energetisch wirken die Werke des Nürtinger Künstlers mit äthiopischen Wurzeln. Bilder, die der durchaus prägnanten Atmosphäre in der Kreuzkirche selbstbewusst und unbeeindruckt standhalten und mit ihr in einen Dialog treten. „Das passt auch nicht immer“, weiß Kulturamtschefin Susanne Ackermann aus Erfahrung. Doch Urgessas Arbeiten fügen sich ein, ohne zu verlieren. „Man könnte glauben, sie sind für eine Kirche gemalt“, stellt der Maler fest. Selbst die riesige Figurengruppe, die sich im Chor der Kreuzkirche vor den farbig funkelnden Kirchenfenstern auf vier Metern Breite über zwei große Leinwände zieht, steht wie selbstverständlich da.

Rund ein Jahr hat Tesfaye Urgessa auf die Ausstellung hingearbeitet. Von den Werken, die er ab 21. Juni zeigt, sind fast alle aktuell aus diesem Jahr. Nur zwei Ausnahmen gibt es dabei. Doch speziell auf die Kreuzkirche sei keines der Bilder abgestimmt worden, sagt er.

Von Steve Jobs beeinflusst

Der Ausstellung hat der Künstler ein Bibelzitat von König Salomo vorangestellt: „Nach Wind greifen“. Es umschreibt Gedankenspiele zu der Vergänglichkeit des Seins, mit denen sich der Maler bereits geraume Zeit befasst. Der Philosoph Eckhart Tolle hat ihn unter anderem beeinflusst, der darauf verweist, dass nichts im Leben von Dauer ist. Ebenso Steve Jobs, der sich tagtäglich die Frage stellte: „Wenn heute der letzte Tag deines Lebens wäre, würdest du dann auch das tun, was du heute vorhast?“

Mit seinen Werken lenkt Urgessa den Blick auf das Wesentliche. Seine Figuren sind oft deformiert, verdreht oder gar nur bruchstückhaft zu sehen. Es sind Images seiner Erfahrungen, Emotionen. Auf Leinwand bannt er dabei nur, was für ihn an diesem Image wichtig ist - und dann seien es vielleicht nur die Hände und der Kopf und die Haare, Beine und Korpus hingegen sind unwichtig für das Bild und werden eliminiert. Momentaufnahmen gleich, die er mit sich trägt, bis sie Eingang in seine Arbeiten finden, ohne Narrative sein zu wollen. Der Betrachter könne so mit ihm den Platz tauschen und seinen ganz eigenen Bezug zum Bild herstellen, beschreibt Urgessa seine Arbeitsweise.

Obwohl der in Addis Abeba geborene Künstler schon seit vielen Jahren in Nürtingen lebt und arbeitet, wird die Ausstellung in der Kreuzkirche seine erste große in seiner Wahlheimat sein. Dabei hat sich Urgessa längst einen Namen auf dem internationalen Parkett der Kunstszene gemacht. 2015 zählte er zu den Finalisten im Bundeswettbewerb der Kunststudenten der Kunstakademie Bonn, ist Träger des Akademiepreises der Kunstakademie Stuttgart, zeigte 2017 zwei seiner Arbeiten im Rahmenprogramm der Biennale in Venedig und feierte mit einer Ausstellung in der Gallerie degli Uffizi von Florenz seinen bislang größten Erfolg.

„Es wird Zeit“, meint auch Nürtingens Oberbürgermeister Dr. Fridrich. Lange war jedoch wegen der Corona-Beschränkungen unklar, ob die Ausstellung tatsächlich stattfinden kann. Umso glücklicher ist er, wie auch Susanne Ackermann, dass die Ausstellung stattfinden kann. „Die Leute warten auch darauf, dass wieder etwas läuft“, weiß die Kulturamtschefin.

Ganz wie gewohnt wird jedoch auch die Sommerausstellung nicht laufen können. Eine Vernissage oder Aktionen wie ein einführendes Künstlergespräch werde es in diesem Jahr nicht geben können, bedauert sie. Ganz darauf verzichten wolle man jedoch auch nicht: Deshalb werden Tesfaye Urgessa und Dr. Katrin Burtschell die Ausstellung online eröffnen. Der Film werde ab 26. Juni auf der Homepage der Stadt Nürtingen zu sehen sein.

Info Die Ausstellung in der Kreuzkirche, Heilig-Kreuz-Straße 4, in Nürtingen, ist bis zum 19. Juli täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die Zahl der Besucher ist begrenzt. Es besteht Maskenpflicht.

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