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Leidenschaft für Jazz und die leisen Töne

Kultur Klarinettist Jochen Feucht lehrt nicht nur an der Esslinger Musikschule, sondern hat sich auch mit seinem Trio eine treue Fangemeinde erspielt. Von Rainer Kellmayer

Seine Welt ist die der leisen Töne. Der in Kirchheim wohnende und seit 1997 an der Städtischen Musikschule Esslingen lehrende Jazzer Jochen Feucht setzt sich in der Szene deutlich vom Mainstream ab. Es geht ihm nicht um aufgesetztes Blendwerk oder hexenmeisterliche technische Kabinettstückchen. Die Musik ist für ihn vielmehr Ausdrucksmittel: Er lotet die emotionale Tiefe der Klänge aus, lässt schillernde Klangbilder entstehen: „Was mit Worten nicht gesagt werden kann, möchte ich dem Hörer in Tönen vermitteln.“

Mit dem „Jochen Feucht Trio“ dringt er in diese faszinierende Gefühlswelt ein, erreicht mit sensiblem Instrumentalspiel die mys­tische Aura des Unsagbaren. Als Glücksfall entpuppt sich die Zusammenarbeit mit dem ebenfalls an der Musikschule Esslingen unterrichtenden Gitarristen Günter Weiss und dem in Tübingen lebenden Vibrafon-Meister Dizzy Krisch: Das Trio funkt auf gleicher musikalischer Wellenlänge. Seine Konzerte sind ein Fluidum zwischen Weltmusik und der Mythologie indischer Klänge. Günter Weiss’ meditativen Saitenspielen und den hellen Mallet-Klängen Krischs setzt Jochen Feucht schillernde Bläserfarben entgegen - mal auf Sopran- und Tenor­saxofon brillierend, dann mit Klarinetten- und Querflötenkantilenen bezaubernd und gelegentlich dem Bassetthorn erdige Töne entlockend. „Das im Jazz sehr selten zu hörende Bassetthorn fasziniert mich besonders“, sagt der Musiker. Aus dem mit der Klarinette verwandten Blasinstrument, das mit seinem abgewinkelten Mundrohr und dem nach oben gebogenen Schallbecher einer überdimensionierten Tabakpfeife ähnelt, zaubert er Klänge von ätherischer Schönheit: zart vibrierend, dunkel gefärbt und meditative Ruhe ausstrahlend.

Neben den Konzerten lässt Jochen Feucht auch durch seine Einspielungen aufhorchen: CDs wie „Warm Jazz“, „Signs on Line“ oder „Light Play“ haben über das Fachpublikum hinaus Interesse geweckt. „Inzwischen hört uns eine treue Fangemeinde. Wir erhalten positives Feedback“, berichtet Jochen Feucht. Seine Welt ist die der leisen Töne. Tägliches Meditieren trägt dazu ebenso bei wie seine regelmäßigen Yoga-Übungen. Hinzu kommt die Affinität zu fernöstlicher und brasilianischer Musik, die seinen Kompositionen einen individuellen Stempel aufdrückt.

Jochen Feucht, dessen Eltern aus Kirchheim stammen, wuchs in Biberach an der Riss auf. Die Jazzszene dort war der ­ideale Nährboden für seine Leidenschaft zwischen Swing, Bebop und Weltmusik. Doch zunächst lernte er Klarinette in der „Kleinen Schützenmusik“, dem traditionsreichen Jugendblasorchester der oberschwäbischen Stadt. Er hatte Glück: Der damals in Bibe­rach lebende renommierte Jazz­gitarrist und Arrangeur Frank Sikora nahm den jungen Musiker unter seine Fittiche. Von ihm ­wurde Feucht eingeführt in die Kunst der Improvisation - zudem machte er Bekanntschaft mit den Grundzügen der Harmonielehre: „Sikora hat mich stark geformt. Er vermittelte theoretische Basics und Einblicke in die Welt des Jazz, die mir beim späteren Studium an der Swiss Jazz School in Bern sehr geholfen haben“. Nach dem Zivildienst ging es in die Schweiz: Das Studium beim Jazz-Saxofonisten Andi Scherrer war intensiv und praxisbezogen. „Ich habe damals viel geübt und in verschiedenen Bands gespielt“, erzählt der Musiker, der zuvor bereits im Landesjazzorchester Baden-Württemberg und im Bundesjazzorchester Erfahrungen gesammelt hatte. Schon immer hat Jochen Feucht komponiert. Obwohl der Jazzer für alle Stile offen ist, liebt er ruhige, melodische Stücke mit Ausdrucksstärke: „Die Musik muss schön klingen und man sollte die strukturellen Feinheiten durchhören können.“ Deshalb bevorzuge er kleine Besetzungen, die gegenüber ­großen Formationen in puncto Klangtransparenz klar im Vorteil seien.

Neben Konzerten und Tonaufnahmen ist das Unterrichten eine weitere Leidenschaft des vielseitigen Musikers. Musikschulleiter Jochen Volle, den er bereits seit der Studienzeit in Bern kennt, hat ihn einst als Lehrer an die Städtische Musikschule Esslingen geholt. Der Saxofonist ist froh, dass Präsenzunterricht jetzt wieder möglich ist und auch die Konzerte langsam anlaufen. In der ­Freizeit widmet er sich seiner Familie, wandert und spielt mit ­Freunden Boule. Seinen Humor und die positive ­Grundhaltung hat Jochen Feucht bewahrt: „Jede Krise birgt auch Chancen. Man muss das ­Bes­te aus der Situation machen und sich optimal auf die Zeit nach ­Corona vorbereiten.“

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