Unzugeordnete Artikel

„Man lebt in einer anderen Zeit“

Handwerk Niels Hoffelner aus Oberlenningen lässt die mittelalterliche Schmiedekunst aufleben. Der 20-Jährige arbeitet regelmäßig auf dem Campus Galli. Von Anke Kirsammer

Die heimische Garage hat Niels Hoffelner in eine Schmiedewerkstatt umgewandelt. Sobald es die Zeit zulässt, fertigt er dort Unik
Die heimische Garage hat Niels Hoffelner in eine Schmiedewerkstatt umgewandelt. Sobald es die Zeit zulässt, fertigt er dort Unikate aus Metall an. Fotos: Rainer Hoffelner

Wieder und wieder fährt der Hammer klirrend auf den glühenden Stahl und lässt die Funken stieben. Von Mal zu Mal wird das Metall flacher. Gekonnt schlägt Niels Hoffelner seitlich Kerben in das Werkstück, aus dem er in unzähligen Arbeitsstunden einen Öffner für Kronkorken formt. In gebührendem Abstand zu Feilen, Meißeln, einem Schnitzbock und zig anderen Gerätschaften schießen die gelben und blauen Flammen in der Gas-Esse zischend nach oben. „Die habe ich mir von meinem ersten Lehrlingsgehalt gekauft“, sagt er. In einem Lenninger Betrieb absolviert er eine Ausbildung zum Metallbauer mit der Fachrichtung Metallgestaltung. Dort schweißt er überwiegend Balkongeländer, Gartentore und Unterkonstruktionen von Dächern.

Doch der junge Handwerker brennt für die Metallbearbeitung, wie sie vor 1200 Jahren üblich war. „Ich bin schon immer ein Mittelalter-Fan“, sagt er. Der Besuch einer Schmiede während der „Handwerkerepoche“ in der dritten Klasse faszinierte den ehemaligen Waldorfschüler derart, dass er das zuvor vielbenutzte Schnitzmesser beiseite legte und seitdem überwiegend mit Metall arbeitet. „Das ist einfach cool. Selbst wenn du ein Loch machst, hast du keinen Abfall, sondern treibst das Material nur aus.“ Auch dass sich Metall immer wieder verwenden lässt - und damit „Upcycling“ möglich ist, reizt ihn. So hat er aus einer ausgedienten Blattfeder eines Busses ein edles Messer geschmiedet. „Ich sehe bei jeder Arbeit einen Unterschied. Es gelingt mir besser, und ich werde schneller.“ Stolz präsentiert er das Kunstwerk mit der silbern glänzenden Klinge. „Das Gefühl ist einfach mega, wenn man etwas Schwieriges hinkriegt.“

Das Know-how erwirbt Niels Hoffelner überwiegend auf dem Campus Galli bei Meßkirch. Der Funke der Begeisterung für die mittelalterliche Klostersiedlung sprang in einem sechswöchigen Blockpraktikum während der Schulzeit über. Sobald er Luft hat, packt er auf der Jahrhundertbaustelle mit an. In der Zimmerei fertigte er für den Glockenturm eine Handvoll Balken. Meist geht er jedoch dem Schmied als Zuschläger zur Hand. Bunthaken - überdimensionale Heftklammern -, eine Axt und ein Türriegel gehören zu den Dingen, die er mit hergestellt hat. Alle Werkzeuge und sogar Nägel werden im „Campus“ selbst gemacht. Gelernt hat der Lenninger dadurch, Dinge wertzuschätzen: „Wenn mir Nägel runterfallen, hebe ich sie auf.“ Alleine für eine mit Schindeln versehene Mauer braucht es 5000 Nägel. Sein Rekord war die Produktion von 212 Stiften an einem Tag. Dabei kommt es bei dem Projekt nicht auf Effizienz an. „Etwas ist fertig, wenn es gut ist, nicht andersherum“, erklärt er. Wert gelegt wird zudem auf Authentizität. „Man lebt in einer anderen Zeit“, so bringt er es auf den Punkt. Angesagt sind Kleider aus Leinen. Eine Armbanduhr zu tragen, geht dagegen gar nicht. Diese Maximen und das Miteinander entsprechen der Lebensart des 20-Jährigen. Sein Traum ist, auf dem „Campus“ später seinen Lebensunterhalt zu verdienen. „Da gibt es Leute, die genauso drauf sind wie ich“, sagt er strahlend.

Auch wenn es abgedroschen klingt: Der angestrebte Beruf ist für ihn Berufung. Samstags, wenn er über seine Zeit frei verfügen kann, wirft er in der Garage seine Esse an. „Dann mache ich, worauf ich Bock habe.“ Dann entstehen unter wuchtigen Hammerschlägen Unikate wie Gürtelschnallen, Sicheln, Kerzenständer, Nadeln oder Zangen, mit denen er die Metallteile aus dem Feuer holt. Sein Vater Rainer präsentiert einen Ring, den sein Sohn für ihn geschmiedet und brüniert hat. Hohe Handwerkskunst beweist Niels Hoffelner auch mit einem vierfach gedrehten und verzierten Stab, der als Halterung für einen Bogen dient.

Den Umgang mit Metall und die Stahlbezeichnungen lernt der ehrgeizige Lehrling in seinem Ausbildungsbetrieb. Viele Kniffe eignet er sich dagegen selbst an: „Wenn ich Fotos sehe, überlege ich mir, wie es gehen könnte. - Als Schmied lernst du nie aus“, so lautet eine Erkenntnis.

Zocken, rumhängen - der Zeitvertreib vieler Jugendlicher - für den jungen Mann ist das keine Option. „Davon habe ich am Ende nichts“, sagt er. Stattdessen liebt er es, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen: Die Schürze aus Rindsleder, die er sich beim Schmieden umbindet, hat er mit feuerspeienden Drachen verziert. Der Wendelring - ein Metallreif, den er wie die Kelten um den Hals trägt -, stammt ebenfalls aus seiner Werkstatt. Und das wuchtige Eichenholz, Sockel für seinen Amboss, ziert seine persönliche Handschrift mit den geschnitzten Initialen „NMH“. Apropos Amboss: Wie viele seiner Werkzeuge hat Niels Maria Hoffelner, wie er mit vollem Namen heißt, auch den in die Jahre gekommenen Stahlblock geschenkt bekommen. Der Amboss leistet gute Dienste, doch fehlt ihm sowohl ein Horn als auch die runde Gesenkaufnahme - ein Loch, das beim Durchdornen von Öffnungen, beim Biegen oder Halten von Teilen nützlich ist. Sympathisch verpackt der Vater das Ansinnen: „Falls jemand einen Amboss übrig hat - Niels würde ihn gerne nehmen und ihm ein zweites Leben schenken.“

Der Campus Galli: Bau einer frümittelalterlichen Klostersiedlung

Bei Meßkirch entsteht auf einem 25 Hektar großen Gelände eine mittelalterliche Klostersiedlung. Seit 2012 wird auf dem Campus unter Bedingungen des frühen Mittelalters gebaut. Nachgebildet wird ein Kloster auf Grundlage des St. Galler Klosterplans. Mittelpunkt ist eine Kirche aus Holz.

Auf der Baustelle wird ausschließlich mit zeitgenössischen Techniken gearbeitet. Damit hält das Projekt altes Handwerk am Leben. 25 Bauleute sind festangestellt.

Besucher können den Handwerkern auf dem Campus Galli bei ihrer Arbeit zusehen. Geöffnet ist das lebendige Freilichtmuseum im Landkreis Sigmaringen dieses Jahr voraussichtlich bis 30. Oktober dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 18 Uhr.ank

Anzeige