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„Man muss die Augen überall haben“

Kirche Nach 25 Jahren beendet Eva Lauk Ende Juni ihren Dienst als Mesnerin in Dettingen. Für ihre Nachfolge werden womöglich gleich mehrere ­Leute gebraucht. Von Peter Dietrich

Nach 25 Jahren als Mesnerin geht Eva Lauk in Ruhestand - natürlich passen Kleidung und Blumenschmuck bei ihr perfekt zusammen, d
Nach 25 Jahren als Mesnerin geht Eva Lauk in Ruhestand - natürlich passen Kleidung und Blumenschmuck bei ihr perfekt zusammen, denn sie ist auch Damenschneiderin

Ungünstige Arbeitszeiten und kein Sonntags­zuschlag - ein Mesner oder eine Mesnerin sind gar nicht so leicht zu finden. Doch die Evangelische Kirchengemeinde Dettingen ist wieder auf der Suche, denn Eva Lauk beendet ihren Dienst, nach 25 Jahren. Wer 64 Jahre zählt, einen Ehemann in Rente und vier Enkel hat, der kann sich das ja mal überlegen. Was Eva Lauks Entschluss befördert hat: Ihre Aufgaben werden immer umfangreicher und technischer. Inzwischen gehört sogar die Bildregie für die Live-Übertragung des Gottesdienstes dazu.

Immerhin jeden sechsten Sonntag hat eine Mesnerin frei. Als Vertretung an diesem sechsten Sonntag und im Urlaub war Eva Lauk einst in den Mesnerdienst eingestiegen, drei Jahre lang im Gemeindezentrum Guckenrain. Als dann das Dettinger Mesnerpaar in den Ruhestand ging, fand sich keine Nachfolge. „Ich könnte mir das für ein, zwei, drei Jahre vorstellen“, sagte Eva Lauk damals. Es wurden stattdessen 22 Jahre, zusammen mit den drei Jahren Guckenrain also ein Vierteljahrhundert.

Neue Technik brachte in dieser Zeit nicht nur neue Aufgaben, sondern auch Erleichterungen: Seit dem Jahr 2000 lassen sich die Glocken der St. Georgskirche per Fernsteuerung bedienen. Aber ein Mesner muss bei Gottesdiensten trotzdem präsent sein. „Man muss die Augen überall haben“, sagt Eva Lauk.

„Wenn ich dich da hinten sitzen sehe, weiß ich, es läuft alles“, hat der frühere Dettinger Pfarrer Heiko Krimmer einst zu ihr gesagt. In Dettingen herrscht Beständigkeit, so hat Eva Lauk in ihrem Dienst nur drei Pfarrer - und einige Diakone - erlebt. „Eine Kollegin hat mal gesagt, sie habe sieben Pfarrer geschafft, und den achten schaffe sie auch noch“, sagt sie lachend. Wer den Mesnerdienst übernimmt, absolviert einen je einwöchigen Grund- und Aufbaukurs. Eva Lauk hat seit zwölf Jahren viele solcher Kurse geleitet. Schon 2004 wurde sie in den Vorstand des evangelischen Mesnerbundes Württemberg gewählt. Hinzu kommen 16 Jahre in der Mitarbeitervertretung (MAV). Was macht einen Mesner aus? Was sind Kasualien, was sind Sakramente? Das alles vermittelt sie gerne weiter. „Ohne das Wissen um die geistlichen Bezüge kann unser Dienst nicht sinnvoll ausgeübt werden“, ist sie überzeugt. „Man sollte merken, wenn jemand den Bedarf nach einem Gespräch hat“, sagt Eva Lauk. Schon manchen Gottesdienstbesucher hat sie zu einem seelsorgerlichen Gespräch weitervermittelt.

Eva Lauk hat noch einen ganz anderen Beruf, sie ist Damenschneiderin. Ihre Fähigkeiten bringt sie gerne in die Kirche ein: So hat sie die Sitzkissen für die Kirchenbänke genäht und Stolen in liturgischen Farben für den Pfarrer. „Ich gebe auch Nähkurse.“

Wenn um 9.20 Uhr der Gottesdienst beginnt, ist sie ab 8.30 Uhr in der Kirche. Manche der Blumen für den Altar stammen aus dem eigenen Garten. Der Familiensonntag mit den Kindern hat traditionell immer erst um 11 Uhr begonnen, wenn sie wieder zu Hause war. Ihr Ehemann stehe aber voll hinter ihrem Dienst, sagt Eva Lauk. „An Weihnachten muss er helfen, den Christbaum aufzubauen.“

Jetzt steht die Kirchengemeinde vor der Frage, wer übernimmt. „Interessenten können sich bewerben, auch zu zweit.“ Ein großes Kompliment wurde der Mesnerin vor Kurzem von einem alten Gemeindemitglied gemacht: „Zu Ihnen möchte ich in die Kirche, wenn ich gestorben bin.“ Daraufhin musste sie sogar einen Nähkurs am Bodensee verschieben, um bei der Beerdigung dieses Menschen dabei sein zu können.

Auch manchmal rigoros

„Ein Mesner ist wie ein Facility-Manager“, sagt Eva Lauk. „Ich kann auch rigoros sein.“ Dass jemand an Weihnachten seinen Stuhl mitten in den Fluchtweg stellen will, das gehe nun mal gar nicht. „Ich habe sogar schon mal den Pfarrer von der Kanzel geholt.“ Das lag aber nicht am Inhalt der Predigt, sondern am defekten Mikrofon. Ablehnen musste die Mesnerin auch schon manchen Spezialwunsch zur Hochzeit: „Früher war eine Hochzeit einfach, heute ist das ein Event.“ Trotz aller Herausforderungen betont sie: „Es ist ein heiliger Dienst, mir hat der Beruf immer Spaß gemacht.“

Info Eva Lauk wird als Mesnerin im Gottesdienst am 11. Juli um 9.20 Uhr in der St. Georgskirche verabschiedet. „Da freue ich mich auf eine volle Kirche“, sagt sie - was immer „voll“ dann laut Corona-Regeln aktuell bedeutet.

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