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Mehr Platz für „echte“ Begegnungen

Neustart Nach anderthalb Jahren kehrt die Vesperkirche in die Thomaskirche zurück. Einiges musste abgespeckt werden, aber die Freude ist groß. Von Thomas Zapp

Oben: Ilse Ruoff (rechts) und Poldi Schmid freuen sich auf Begegnungen und die Andacht in der Vesperkirche. Rechts: Diakon Uli H
Oben: Ilse Ruoff (rechts) und Poldi Schmid freuen sich auf Begegnungen und die Andacht in der Vesperkirche. Rechts: Diakon Uli Häußermann hatte mit mehr Menschen gerechnet, aber bis Sonntag hat die Vesperkirche ja noch geöffnet.Unten: Neue Gesichter gibt es unter den Helferinnen und Helfern, sehr zur Freude der Organisatoren. Fotos: Carsten Riedl

Für Ilse Ruoff gab es kein Zögern, als sie hörte, dass die Vesperkirche in der Thomaskirche wieder stattfindet. Sofort verständigte sie Leopoldine Schmid, die alle nur „Poldi“ nennen. „Sie hat sich ganz arg gefreut“, erzählt die ehrenamtliche Betreuerin, die sich drei Mal in der Woche mit ihr trifft. Wenn die Vesperkirche stattfindet, ist ein Besuch Pflicht. Auch die Dankesworte im Gästebuch am Eingang drücken die Stimmung aus: Dank dafür, dass es wieder losgeht.

Dabei ist in diesem Jahr vieles anders. Am ungewohntesten ist natürlich der Zeitpunkt im Herbst und die auf eine Woche verkürzte Dauer. „Wir holen die Vesperkirche vom Februar nach“, sagt der Leiter, Diakon Uli Häußermann vom evangelischen Kirchenbezirk Kirchheim. Für ihn war es wichtig, noch im laufenden Jahr zu sehen, was möglich ist. Die letzte Vesperkirche hatte kurz vor Ausbruch der Corona-Krise im Februar 2020 stattgefunden, im Februar dieses Jahres gab es an einem Sonntag nur eine symbolische Vespertüte mit Kässpätzle. „Das ist jetzt eine Blaupause“, erklärt er. Im Februar 2022 soll die Vesperkirche dann wieder in der gewohnten Form stattfinden.

Neu ist derzeit nicht nur der Check an der Tür, ob die Gäste genesen, geimpft oder getestet sind. Am Eingang gibt es für jede Besucherin und jeden Besucher einen Meldeschein, den sie ausgefüllt mit der Essensbestellung beim ehrenamtlichen Servicepersonal abgeben. „Das geben wir dann an das Gesundheitsamt“, sagt Uli Häußermann. Auch das Kuchenbuffet mit der Tasse Kaffee ist den neuen Umständen „zum Opfer“ gefallen. Die zwei Gerichte zur Auswahl mit Nachschlag und ein Dessert bleiben aber, satt wird nach wie vor jeder, betont er. Auch das „Wort zur Mitte des Tages“ mit wechselnden Pfarrerinnen und Pfar­rern bleibt. Mit der aktuellen Lösung kann nicht nur er gut leben. „Die freiwilligen Helferinnen und Helfer haben mir bestätigt, dass es so viel entspannter ist. Denn am Kuchenbuffet bilden sich sonst immer lange Schlangen.“

Deutlich relaxter geht es auch im Eingangsbereich und im Kirchenschiff zu. Sind die Plätze im Foyer ganz weggefallen, stehen im Hauptraum statt langer Tafeln kleine Tischgruppen in großzügigem Abstand mit Platz für 120 Gäste. Hundert Plätze weniger als zu „normalen“ Zeiten gibt es, statt 250 bis 300 Gäste pro Tag kommen nun 60. „Wir hatten ehrlicherweise mit mehr Menschen gerechnet“, sagt Uli Häußermann. Zumal es durch das fehlende Kuchenbuffet und die damit gewonnene Zeit jetzt möglich wäre, einen Zwei-Schicht-Betrieb aufzubauen. Aber auch er merkt die Verunsicherung vor allem der Älteren. „Ich hatte Gespräche mit Menschen, die lange nicht mehr da waren. Für viele ist es noch zu früh“, sagt er. Viele Menschen scheuten sich noch, ihr Zuhause zu verlassen. Das zur Bekämpfung der Corona-Pandemie von der Bevölkerung eingeforderte „Social Distancing“, die räumliche Distanzierung und das Reduzieren sozialer Kontakte, es trage noch Früchte, sagt der Dia­kon - allerdings keine schmackhaften, ließe sich noch hinzufügen.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Über 20 Prozent mehr neue Helferinnen und Helfer kann sich Diakon Häußermann freuen, und durch die verschlankten Abläufe reichen nun auch 15 pro Tag - vorher waren es 40. Ohnehin gibt es keinen Grund zur Klage, die Freude überwiegt eindeutig, dass es überhaupt wieder „echte Begegnungen“ in der Vesperkirche gibt. „Eine To-go-Lösung wäre für uns keine Option gewesen“, sagt Uli Häußermann. Er hält es aber durchaus für möglich, dass manche Änderungen auch in der „Post-Corona-Zeit“ beibehalten werden. Die Lösung mit den kleineren Tisch-Inseln kommt zum Beispiel gut an. „Da ergibt sich für manche leichter ein Gespräch als an der langen Tafel“, sagt er.

Die 13. Kirchheimer Vesperkirche macht Mut und schürt nicht nur beim Gemeindediakon Vorfreude auf das „große“ Comeback im nächsten Jahr. Aber alle, die schon jetzt gekommen sind, haben es nicht bereut. „Hier knüpfen wir Kontakte“, sagt Besucherin Ilse Ruoff und stellt eins klar: „Diese Woche koche ich nicht.“

Thomaskirche Vesperkirche Hausermann
Thomaskirche Vesperkirche Hausermann
Thomaskirche Vesperkirche Hausermann
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