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Minister und Menschenverstand

Zum Artikel „Gräben beim Tempolimit bleiben“ und der Umfrage dazu vom 1. Februar

Kommt man von Autobahnen im grenznahen Ausland auf deutsche Autobahnen mit - sofern es der Stau erlaubt - „freier Fahrt für freie Bürger“, so glaubt man in der Regel, unversehens in einem Inferno oder in einem „Albtraum auf vier Rädern“ gelandet zu sein. Da wird gedrängelt, gerast, geschnitten, was das Zeug hält. Doch seit 1974 der obige Slogan lanciert wurde, gilt eine Tempobeschränkung auf Autobahnen in Deutschland als Tabu und heißes Eisen, das die hohe Politik unter Druck von Automobilverbänden, der Autolobby und auch Teilen der automobilen Öffentlichkeit, wo bestimmt mindestens jeder Dritte unter dem „Klein-Schumi-Syndrom“ leidet, lieber nicht anpackt.

Dabei ist es unbestreitbar, dass zu hohe Geschwindigkeit auf Autobahnen tötet. So gab es im Jahr 2017 409 Tote auf deutschen Autobahnen, bei 181 davon war der Grund eine überhöhte Geschwindigkeit. Als 2014 im kanadischen British Columbia das Tempolimit von 110 auf 120 Kilometer pro Stunde heraufgesetzt wurde, stieg die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle um mehr als das Doppelte. Die meisten Staaten haben diesen Zusammenhang längst erkannt und entsprechend reagiert: Seit Jahrzehnten gilt zum Beispiel in der Schweiz auf Autobahnen Tempo 120, in Frankreich Tempo 130 und in Großbritannien gar Tempo 112. Freie Fahrt gibt es dagegen unter anderem in Nordkorea, Myanmar, Somalia, Haiti oder Afghanistan . . .

Wenn nun der verantwortliche Minister in einer in der Öffentlichkeit ohnehin emotional geführten Debatte den Befürwortern eines sicherlich auch umweltwirksamen Tempolimits auf Autobahnen bescheinigt, „gegen jeden Menschenverstand“ zu handeln, so ist dies, mit Verlaub, be-„scheuer“-t.

Dr. Ernst Kemmner, Kirchheim

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