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Mit 17 Jahren ein alter Mann

Zeitzeuge Der Holocaust-Überlebende Abba Naor hat junge Leute an der Max-Eyth-Schule in Kirchheim tief beeindruckt. Der 93-Jährige war von Dachau aus per Video zugeschaltet. Von Thomas Schorradt

Eigentlich verbietet es sich bei diesem Thema, von Totenstille zu reden. Aber wie sonst die beinahe mit Händen zu greifende Atemlosigkeit beschreiben, die an diesem Vormittag in den Klassenzimmern der Kirchheimer Max-Eyth-Schule herrscht? Einem Vormittag, an dem 17 und 18 Jahre alte Jugendliche beinahe drei Stunden lang gebannt an den Lippen eines 93 Jahre alten Mannes hängen und jeden Pausengong ohne Zucken ausblenden? Es war totenstill, als Abba Naor seine Geschichte erzählt hat.

Der alte Mann, der vom bayerischen Dachau aus den Schülerinnen und Schülern in Kirchheim per Video zugeschaltet ist, ist einer der letzten Zeitzeugen des von den Nazis entfesselten Holocaust. Er holt seine jungen Zuhörer gleich mit einem seiner ers- ten Sätze dort ab, wo sie in ihrer eigenen Biografie gerade stehen. „Ich habe meine Karriere als Häftling mit 13 Jahren begonnen. Als sie mit 17, nach vier viel zu langen Jahren, zu Ende war, war ich ein alter Mann“, leitet er seine Geschichte ein.

Es ist eine Geschichte, die mit einer unbeschwerten Kindheit in Litauen beginnt und die am 2. Mai 1945, als das letzte Häuflein Überlebender von Dachau aus auf den Todesmarsch geschickt worden war, in einem dunklen Wald am Tegernsee mit dem plötzlichen Auftauchen von amerikanischen Soldaten ihr glückliches Ende findet. Aber kann man von Glück reden, wenn der Vater tot geglaubt und die Mutter mit den beiden zwei und 14 Jahre alten Brüder in den Todeslagern der Nazis ermordet worden sind? Kann man von Glück reden, wenn man um des Überlebens willen Gras gefressen und das Fleisch eines verendeten Pferdes mit bloßen Händen aus dem Kadaver gerissen hat? Und kann man von Glück reden, wenn von den 240 000 Juden, die zuvor in Litauen friedlich mit ihren Nachbarn zusammen gelebt hatten, nur vier Prozent das Horrorregime überlebt haben? „Von den 60 000 jüdischen Kindern in meiner Heimat haben nur 350 überlebt. Eines davon war ich“, sagt Naor.

Glück? Der alte Mann redet nicht von Glück. Er redet von der Banalität des Grauens, von Leichen, Mordbrennerei und kaum fassbarem menschlichem Leid. Er redet von kleinen Kindern, die man ihren Müttern entrissen hat und bei denen die Schergen sich nicht einmal die Mühe machten, sie zu erschießen.

Leid und Schrecken

„Sie wurden einfach zu den Leichen geworfen, die sich schon in den Gruben gestapelt haben“, erinnert sich Naor. Unendlich viel Leid und Schrecken an einem sonnigen Montagvormittag. Irgendwann wird sich der alte Mann bei seinen jungen Zuhörern entschuldigen. „Ich weiß, es ist schwer, mir zuzuhören. Es tut mir leid, aber ich habe keine andere Geschichte“, sagt er dann. Auf die in der anschließenden Gesprächsrunde gestellte Frage nach seiner Motivation sagt er, er erzähle seine Geschichte, weil er sich nichts so sehr wünsche, als dass die Menschen, und vor allem die Kinder, in Zukunft in Frieden zusammen leben sollen.

„Wir haben aus den Schulbüchern und im Unterricht zwar erfahren, was in der Zeit der Judenverfolgung passiert ist. Aber wir haben uns nie vorstellen können, wie die wirklichen Auswirkungen auf die Menschen waren“, sagt Samuel. Das Fazit des 18 Jahre alten Schülers dürfte Maria Morschett, der Deutsch- und Geschichtslehrerin der Schule, gefallen. „Die Geschichte aus dem Mund eines Zeitzeugen zu erfahren, ist unersetzlich. Abba Naor war im Alter unserer Jugendlichen. Da kann niemand fragen: Was hat das mit mir zu tun?“, sagt die Pädagogin, die den virtuellen Besuch des Zeitzeugen vorbereitet und organisiert hatte.

Für den Schulleiter, Jochen Schade, sind solche Veranstaltungen ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts, gerade in einer Schule, die wie die Max-Eyth-Schule mit ihren 1700 Schülerinnen und Schülern einen technisch orientierten Ansatz verfolgt. „Eine Gesellschaft funktioniert nur, wenn sie auf einer gemeinsamen Grundlage von ethisch-moralischen Vorstellungen beruht. Neben aller Fachlichkeit braucht es dieses gesellschaftliche Gefühl, um die Gemeinschaft zu festigen“, sagt der Schulleiter.

Kirchheim: Der Holocaust-Überlebende Abba Naor ist 93 Jahre alt und kommt jedes Jahr nach München, um dort mit Schulklassen zu s
Kirchheim: Der Holocaust-Überlebende Abba Naor ist 93 Jahre alt und kommt jedes Jahr nach München, um dort mit Schulklassen zu sprechen. Weil die Gespräche in diesem Jahr online stattfinden, klinkt sich die Max-Eyth-Schule Kirchheim ein.

Das Ghetto und zwei Konzentrationslager überlebt

Zeitzeuge Abba Naor ist ein jüdischer Holocaust-Überlebender. Er wurde am 21. März 1928 in Litauen geboren. Mit 13 Jahren kam er zusammen mit seinen Eltern und seinen beiden Brüdern in das Ghetto in Kaunas. Sein älterer Bruder wurde im Fort IX erschossen. Die Familie wurde in das Konzentrationslager Stutthof deportiert, wo Naor seine Mutter und seinen Bruder zum letzten Mal sah. Abba Naor wurde dann in verschiedene Außenlager des KZ Dachau transportiert, wo er schwerste Zwangsarbeit leisten musste. Im Frühjahr 1945 wurde er auf einen Todesmarsch geschickt.

Nach der Befreiung durch die US-Armee traf Abba Naor seinen tot geglaubten Vater wieder und emigrierte nach Israel. Dort arbeitete er für den Geheimdienst. Heute besucht er Schulen und Universitäten und setzt sich gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Verbrechen ein.ts

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