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Mit eigener Kohle zur Kirche im Gasthaus

Jubiläum Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde in Kirchheim feiert ihr 70-jähriges Bestehen sehr vielseitig. Unter anderem gibt es einen Gebetsmarathon, eine Podiumsdiskussion und einen Lobpreisabend. Von Peter Dietrich

Unterhalten sich auf der neuen kleinen Dachterrasse des Steingau-Zentrums (von links): Pastor Paul Kohnle, Kinderreferent Rainer
Unterhalten sich auf der neuen kleinen Dachterrasse des Steingau-Zentrums (von links): Pastor Paul Kohnle, Kinderreferent Rainer Hornberger und Pastor Günter Öhrlich.Foto: Peter Dietrich

Ihr 50-jähriges Bestehen hat die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (EFG) in Kirchheim vor 20 Jahren groß gefeiert. Kommt als nächstes die 75? Nein, denn in der Bibel hat die Zahl 70 eine ganz besondere Symbolik. Deshalb feiert die Kirchengemeinde im Steingau-Zentrum bereits in diesem Jahr.

Die erste Erwähnung einer kleinen Baptistengemeinde in Kirchheim stammt von 1863. Entstanden waren diese Gemeinden im 17. Jahrhundert durch die Täuferbewegung, vor allem im angelsächsischen Raum - der bekannteste Baptistenprediger der Welt ist noch immer Martin ­Luther King Jr. Die erste Baptistengemeinde Deutschlands entstand 1834, Johann Gerhard Oncken gründete sie in Hamburg.

Die Kirchheimer Baptisten­gemeinde wurde 1892 wieder aufgelöst. 1927 gab es dann wieder einige „gläubig Getaufte“, die sich in Hepsisau trafen und von der Baptistengemeinde in Stuttgart betreut wurden. 1945 landeten etliche Baptisten als Geflüchtete und Heimatvertriebene rund um die Burg Teck. 1947 stellten sie mit Emil Lant ihren ersten Pas­tor an. Die ers­ten Treffen fanden in gemieteten Räumen statt, teils in Gaststätten. Wo am Samstag­abend getanzt wurde, wurde sonntagmorgens Gottesdienst gefeiert, im Winter brachten die Gläubigen teils eigene Kohle mit. Am 25. September 1951 gründeten sie die EFG Kirchheim-Nürtingen mit 122 Mitgliedern. Heute sind die beiden Gemeinden selbstständig. 1962 bis 1963 folgte der Bau der ersten eigenen „Kapelle“, der Friedenskirche in der Jesinger Straße. Das Grundstück hatte die Gemeinde schon 1958 gekauft. Viele Handwerker gehörten zu ihr, es gab beim Bau sehr viele Eigenleistungen. In den 1970er-Jahren durchlief die Kirchengemeinde eine Krise. Pastor Helmut Gaertner gelang es ab 1981, die Gemeinde wieder zu einen, ab den 1990er-Jahren folgte ein neuer Aufbruch. Von 1989 bis 1991 wurde die groß umgebaute Friedenskirche bald zu klein. Anfang 2000 zählte die Kirchengemeinde 270 Mitglieder, fast alle davon ehrenamtlich aktiv.

Im Jahr 2002 folgte die Grundsteinlegung für das Steingau-Zentrum, den ersten Gottesdienst am neuen Ort gab es an Ostern 2004. „Es war Gottes Führung, dass wir ein so großes Gelände mitten in der Stadt bekommen haben“, sagt Pastor Günter Öhrlich. Der Bau war mutig, fast vier Millionen Euro waren vollständig durch Spenden zu finanzieren. Etwas Startkapital brachte der Verkauf der Friedenskirche: Sie ist nun Heimat der Adventgemeinde, einer anderen protestantischen Freikirche.

Die zentrale Lage des Steingau-Zentrums passt zur Ausrichtung der EFG: Sie will zum Wohl der ganzen Stadt da sein. Sie begann das Café Hope und zählt zu den Mitbegründern der „Christlichen Initiative Kirchheim“, die im Gemeinderat vertreten ist. Derzeit gibt es rund 500 Mitglieder und 80 Freunde, das Einzugsgebiet reicht rund zehn Kilometer rund um die Stadt. Pastor in Kirchheim ist der ehemalige Banker und Jugend- und Heilerzieher Günter Öhrlich seit 2002, seit 2005 in Vollzeit. Seit Ende 2019 ist Paul Kohnle ebenfalls in Vollzeit Pastor, sein Schwerpunkt ist die Jugendarbeit. Rainer Hornberger ist Vermessungstechniker und zu 50 Prozent als Kinderreferent angestellt, Susanne Plessing ist in Teilzeit für Besuchsdienst und Seelsorge da, Antje Deh ist Gemeindesekretärin und Matthias Haubennestel hält als Hausmeis­ter alles in Schuss.

Der Blick der Kirchengemeinde geht über die Region hinaus: Sie ist seit 2018 Partnergemeinde einer internationalen christlichen Gemeinde in Jerusalem, unterstützt mehrere Familien in Entwicklungshilfeprojekten und afrikanische Fußballcamps. Und vor Ort? In Kirchheim weitet die EFG gerade ihre sportlichen Angebote für Jugendliche aus. Die klassische 75 bleibt ebenfalls im Blick. „Kann sein, wir feiern in fünf Jahren noch mal“, sagt Öhrlich.

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