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Mit jedem Meter wächst der Druck

Aktion Die Performance-Künstler von „Grund und Boden“ machen mit unkonventionellen Bildern auf unbezahlbare Immobilienpreise aufmerksam. Die in Kirchheim entstandenen Werke sind fast alle schon verkauft. Von Kai Bauer

Die Performance-Künstler Susanne von Bülow und Ruppe Koselleck nehmen für ihre Werke die Bodenoberflächen als Druckstock.
Die Performance-Künstler Susanne von Bülow und Ruppe Koselleck nehmen für ihre Werke die Bodenoberflächen als Druckstock.

Kunstmarkt und Immobi­lienmarkt haben eines gemeinsam: einen verdächtigen Ruf. Beide kämpfen mit dem Image, dass mit unseriösen Annahmen, purem Bluff und Spekulation überhöhte Preise erzielt werden. Susanne von Bülow und Ruppe Koselleck, die sich als künstlerisches Familienunternehmen bezeichnen und unter dem Namen „Grund und Boden“ firmieren, nehmen diese Verdachtsmomente als Grundlage für ihr künstlerisches Konzept. Europaweit drucken sie Flächen von Innenstädten quadratmeterweise ab. Dabei benutzen sie die Bodenoberfläche als Druckstock. Sie bestreichen den Bodenbelag mit Farbe, belegen die Ausschnitte mit Blättern aus dickem Büttenpapier und überfahren sie mit der Planierwalze. Die entstandenen Blätter werden in Kunstinstitutionen ausgestellt und zu den Bodenrichtwerten der jeweiligen Originalstelle verkauft. Der Wert des Kunstwerkes wird also vom Immobilienwert der bearbeiteten Stelle bestimmt. Der Erlös geht zu gleichen Teilen an die Künstler und die Veranstalter oder wird an Organisationen gespendet.

In Kirchheim ist dies der Kunstbeirat der Städtischen Galerie im Kornhaus, der am Samstag zu einer „performativen Bodenrichtwertanalyse“ am Otto-Ficker-Areal eingeladen hat. „Kirchheim unter Druck“, lautete das Motto, und im Laufe des Tages arbeiteten sich die Künstler und ihre Helfer quadratmeterweise druckend in Richtung Innenstadt zur Städtischen Galerie im Kornhaus vor.

Die Ergebnisse der Druck-Aktion mit farbigen Strukturen werden bis zum 30. September in den Vitrinen des Kornhauses ausgestellt. Die Hälfte des Erlöses der entstandenen Drucke geht an den Aktionskreis „Starkes Kirchheim - Allen Kindern eine Chance“. Dabei macht die Lage den Preis. Kirchheimer Bürgerinnen und Bürger können ein ganz besonderes Teil-Porträt ihrer Stadt erwerben. Kanaldeckel, Asphaltnähte oder stillgelegte Schienen fügen sich in zufälligen Kompositionen in frischen Buntfarben zusammen. Der Preis bezieht sich auf den jeweiligen Bodenrichtwert und gehört zum Bild. Er ist Teil des Kunstwerkes und muss nicht verschwiegen werden.

Bei der am Samstag gedruckten Strecke begannen die Preise bei 220 Euro und stiegen auf 550, wobei mehr als die Hälfte der Drucke schon kurz nach der Herstellung verkauft waren. Bis zum Kornhaus steigen die Bodenpreise auf 1320 Euro pro Quadratmeter. Im Vergleich zu 25 000 Euro am Pariser Platz in Berlin oder gar 85 000 im Pariser Zentrum noch günstig. „Kann man sich da ein Leben in der Stadt noch leisten?“, fragt der Künstler Ruppe Koselleck. Die grundlegenden Fragen danach, wie wir zukünftig zusammenleben wollen, hat die Aktion eindrucksvoll sichtbar gemacht.

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