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Mütter starten beruflich durch

Wirtschaft Christiane Scheid aus Jesingen bietet Bewerbungscoaching an. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, lautet das Motto, mit dem die Powerfrau Mut macht. Der Erfolg gibt ihr Recht. Von Anke Kirsammer

Christiane Scheid an ihrem Arbeitsplatz: Dank ihrer eigenen beruflichen Erfahrung verhilft sie Müttern zum Job. Foto: Markus Brä
Christiane Scheid an ihrem Arbeitsplatz: Dank ihrer eigenen beruflichen Erfahrung verhilft sie Müttern zum Job. Foto: Markus Brändli

Ein bunt gemustertes Herz aus Glas bekommen die Kundinnen von Christiane Scheid aus Jesingen als Willkommensgeschenk. „Das bist du, lass es scheinen“, gibt sie den Frauen mit auf den Weg, die sich zusammen mit ihr auf die Reise zum ersehnten Job machen. Was sich fast esoterisch anhört, hat einen handfesten Hintergrund: Mütter tun sich nach wie vor ungleich schwerer, eine Anstellung zu finden, als Väter oder Frauen ohne Kinder. An den Kompetenzen liegt es nicht, das ist für die Powerfrau mit dem flotten Kurzhaarschnitt sonnenklar. Die jeweiligen Stärken herauszuarbeiten und sie entsprechend an den „Markt“ zu bringen, ist seit einem Jahr der Job der Mutter eines fast fünfjährigen Sohnes. Denn, so hat sie festgestellt: „Bewerbungs- und Karrierecoaches gibt es wie Sand am Meer, aber keinen einzigen für Mütter.“ Also sprang sie in die Lücke und hilft nun ihrerseits Mamas dabei, sich optimal auf den Neustart im Beruf vorzubereiten. „Wenn nicht jetzt, wann dann? Lass es uns anpacken - ich bin an deiner Seite“, lautet der mutmachende Slogan.

Das Konzept beinhaltet vier Module. Priorität hat das Erkennen der eigenen Talente. Weitere Schritte sind das Optimieren von Online-Profilen und das Training von Interviewtechniken. Der Schlüssel zum Erfolg ist für Christiane Scheid jedoch der Lebenslauf. „Damit muss ich Personaler in 40 Sekunden überzeugen“, sagt die Expertin, die als ehemalige „Headhunterin“ weiß, wie die „Gegenseite“ tickt. Regelmäßig wundert sie sich darüber, dass Frauen aus ihrem Umfeld „zwei Lebensläufe“ haben - „einen, den ich kenne, und einen auf dem Papier“. Dort lassen viele genau die Punkte weg, die zeigen, was sie drauf haben. Sie nennt das Beispiel einer Sachbearbeiterin, die an einem früheren Posten eine Budgetverantwortung von 400 000 Euro hatte, das aber nicht erwähnenswert fand. Den Lebenslauf stampfte Christiane Scheid ein und „machte“ ihn nicht nur optisch „hübsch“. Den Geschäftsführer eines Unternehmens überzeugte der gesamte Auftritt der Bewerberin so, dass er nicht nur eine neue Stelle für sie schuf, sondern auch ihre Probe­zeit auf drei Monate verkürzte. „Im Idealfall werden die Firmen auf die Mütter aufmerksam, und sie müssen gar keine Bewerbung verschicken“, so beschreibt Christiane Scheid das hochgesteckte Ziel, das ihrer Überzeugung nach auch während der Corona-Pandemie funktioniert.

Ihr Konzept entwickelte sie am „lebenden Projekt“ - Mamas in ihrer Umgebung, die händeringend einen Job suchten. Bekamen sie vorher noch nicht einmal Absagen auf ihre Bewerbungen, fanden sie jetzt innerhalb kürzester Zeit die Anstellung, die sie sich wünschten. „Bei der ersten glaubte ich an Zufall, bei der zweiten dachte ich ‚komisch‘, bei der dritten erkannte ich ein Muster“, sagt ­Christiane Scheid.

Die Arbeitsagentur bezahlt

Ihre Erfolgsquote war auf Anhieb so hoch, dass die Agentur für Arbeit ihr nahelegte, sich zertifizieren zu lassen. Bei Vorlegen eines sogenannten Aktivierungs- und Vermittlungsgutscheins (AVGS) müssen die Frauen das Coaching nicht aus der eigenen Tasche bezahlen. Die Kosten übernimmt in diesem Fall das Arbeitsamt. Ihre Rolle sieht sie darin, zuzuhören, die Mütter auf ihrem Weg zu führen und anzuleiten. Dabei handelt es sich immer um Einzelcoaching. „Auch wenn sie vorher gezweifelt und ein verzerrtes Selbstbild haben - sie lernen durch mich, alleine zu laufen“, sagt Christiane Scheid. Wenn sie es schaffen und dadurch glücklich sind, wirke sich das positiv auf das ganze Familien­leben aus.

Die 80 Unterrichtseinheiten erstrecken sich über sechs Wochen. „Weil alles online stattfindet, ist es zeitlich super flexibel“, erklärt die Selbstständige. Dazu gehören Aufgaben, zu denen sie ein individuelles Feedback gibt. Einmal pro Woche trifft sie sich mit den Frauen im Videochat. Ihre Klientel ist zwischen Mitte 20 und Anfang 40 und kommt aus vier Bundesländern. Viele haben einen Migrationshintergrund. Bunt gemischt sind auch die Fachbereiche, in denen die Frauen tätig sind: Einkauf und Marketing ist genauso dabei wie Humanmedizin, Maschinenbau, IT, Finanzen und Einzelhandel. „Ich nehme nur Frauen, bei denen der Schmerz groß ist, weil sie keine Arbeit haben“, betont sie. „Wenn keine Eigenmotivation da ist, rate ich ab.“

Und wenn dank ihrer Hilfe wieder eine Mutter ihren Traumjob gefunden hat, bringt Christiane Scheid ein weiteres Päckchen zur Post: eine Figur aus Glas, die beim Neustart in den Beruf zeigt: „Ich feiere mit dir.“ Selbst ihr Sohn hat schon begriffen, dass Mama anderen hilft, Arbeit zu finden, und dass es der Frau jetzt gut geht.

1 www.christiane-scheid.com

„Ich bin in ein richtiges Loch gefallen“

Kirchheim. Dass es bei Frauen am Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hapert, erlebte ­Christiane Scheid während ihrer Elternzeit selbst: „Ich war ein halbes Jahr draußen und bin in ein richtiges Loch gefallen“, sagt sie. In ihre alte Firma wollte sie nicht zurück. Die Personalleitung hatte längst gewechselt „Ich war die Mutter in Elternzeit.“ Selbstzweifel nagten an ihr. „Ich war erschüttert, wie schnell das ging“, erinnert sich die 39-Jährige. Da half nicht, dass ihr Mann an sie glaubte. „Dazu ist er ja per Ehevertrag verpflichtet“, meint sie mit ihrem trockenen Humor. An dem angeschlagenen Selbstbild änderten weder der Verweis auf ihre Karriere vor der Geburt ihres Sohnes noch ihre drei Hochschulabschlüsse etwas. Sie ist nicht nur Diplom-Betriebswirtin (FH), sondern hat auch einen in England erworbenen Bachelor of Arts sowie den Master of Business Engineering einer privaten Hochschule in der Tasche.

Die Kehrtwende brachte ein ehemaliger Kollege, der sie für ein Ulmer Unternehmen anwarb. Ihre Zweifel, in Teilzeit als Recruiterin eine neue Abteilung aufzubauen, wischte er mit den Worten beiseite: „Was andere in fünf Tagen schaffen, schaffst du in vier.“ Im November 2017 begann sie mit ihrem Job. 2019 legte die Firma einen Rekord an Einstellungen hin. Doch statt der vertraglich geregelten 32 Stunden arbeitete Christiane Scheid 45 bis 50 Stunden pro Woche. Ihren Sohn sah sie nur noch morgens. „Ich brauche meine Arbeit, aber sie darf nicht zu Las­ten meiner Familie gehen“, so lautete ihre Erkenntnis nach zweieinhalb Jahren. Nachdenklich machte sie außerdem, dass Bewerbungen von Müttern in dieser Zeit kein einziges Mal den Zuschlag bekommen hatten. „Entweder sie verkauften sich unter Wert, wollten den falschen Job, oder sie wussten nicht, was sie konnten“, sagt Christiane Scheid. „Das hat mich so gefuchst.“ Sie zog die Reißleine und beschloss, sich als Bewerbungs- und Karrierecoach für Mütter selbstständig zu machen.

„Ich habe meine Erfüllung gefunden und kriege immer eine Gänsehaut, wenn ich von ‚meinen Müttern‘ ein lachendes ­Emoji bekomme“, sagt die vor Energie strotzende Bayerin. Mit Frauen, die anderen Frauen Steine in den Weg legen, geht sie hart ins Gericht: „Die kommen in eine andere Hölle.“ Für sich hat sie den perfekten Mix aus Beruf und Familie gefunden. Sie arbeitet 40 Stunden in der Woche von zu Hause aus und strahlt: „Für mich fühlt es sich richtig an.“ Anke Kirsammer

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