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Nachhaltig waldig mit Schlucht und See

Foto: Adobe Stock/Ziablik, Gasthof Linde
Foto: Adobe Stock/Ziablik, Gasthof Linde

Die Zugfahrt gestaltet sich umständlich, denn der kürzeste Weg verlangt mehrfaches Umsteigen. Doch wenn man sich aufs Langsamreisen einlässt, wird schon der Weg zum Ziel. In den Regionalzügen rasen Leben und Landschaft nicht vorbei, sondern kommen ganz nah. Mit temporären Reisebegleitern zieht der Alltag von Schülern, Handwerkern und Marktfrauen ein. Bei einer Fernreise würde man das als „Land und Leute“ ablichten.

Fotogen präsentiert sich auch das Ziel, die Fairtrade-Stadt Löffingen. Hier wartet am Bahnhof schon Gastgeber Michael Meßmer. Das Gepäck kommt aufs Lastenfahrrad und es geht zu Fuß durch das Bilderbuchstädtchen, das 2019 den 1200. Geburtstag feierte und dafür seine Schätze aufpolierte: mittelalterliche Stadttore, eine schmucke Markthalle, Amtshäuser. Geschichtsträchtig ist auch der Gasthof Linde, den Michael Meßmer mit seiner Frau Christina, Sohn Marc und Schwiegertochter Anna führt. Auch die achte Generation wächst mit Matteo (2) und Rosalie (6) schon heran. Das Haus, Baujahr 1815, ist definitiv alt, aber nicht altbacken, sondern frisch und hübsch mit Möbeln aus heimischen Hölzern in historischer Architektur. „Einst war es ein Gasthof mit Landwirtschaft, den wir bis heute ständig verschönern“, sagt Meßmer.

Ähnlich authentisch wohnt es sich in einem Kuckucksnest. Erfunden wurde die Ferienwohnungsmarke aus zwei Nöten: Im Hochschwarzwald rund um Feldberg, Titisee und Schluchsee wuchs die Nachfrage nach Feriendomizilen. Gleichzeitig schrumpfte das Angebot, weil immer mehr private Vermieter wegen Nachfolgeproblemen, Schwierigkeiten mit der Vermarktung oder Renovierungsstau aufgaben. Solche Wohnungen mietet die Tochterfirma der Hochschwarzwald-Touristik an, stattet sie neu aus und vermarktet sie. „Der Besitzer bekommt eine belegungsabhängige Umsatzpacht und muss sich um nichts mehr kümmern“, sagt Marc Sigwart, Leiter der Kuckucksnester. Wie viel Arbeit im „Nestbau“ steckt, zeigt er am jüngsten Domizil in Rötenbach. Ein Kuckuckslabel weist den Weg in den zweiten Stock der ehemaligen Frühstückspension. Nach einem dunklen Gang wartet hinter der Tür eine neue Welt: Böden aus gekalkter Buche leiten in die Schlafzimmer und ins Wohn-Ess-Zimmer mit großem Balkon. Der Couchtisch besteht aus einer Baumscheibe, die Eisenbahnschwelle als Garderobe ist das Werk eines örtlichen Designers. Die durchdachte Küche, die Betten und die Sanitäreinrichtung stammen ebenfalls von heimischen Firmen. Zur Küchenausstattung gehört eine Getränkeauswahl: Sprudel, Milch und Bier - alles aus dem Schwarzwald.

Naturparkwirt Michael Meßmer bezieht mehr als 90 Prozent seiner Lebensmittel aus Baden-Württemberg - das ist eine der Anforderungen für die Zertifizierung als Schmeck-den-Süden-Gastronom. Mit drei Löwen hat er das höchste Level erreicht. Die Prüfer kommen jährlich und schauen in den Vorratskeller, die Küche und auf die Speisekarte. Dort finden sie: Fisch aus dem Teich des Nachbardorfs, Wildschwein vom örtlichen Jäger, Himbeeren aus dem eigenen Garten, Käse, Eier und Milch von nahen Höfen. Auf der Speisekarte liest sich das dann so: „Ceviche von der Schwarzwaldforelle mit eigenem Koriander“ oder „Rote-Bete-Knödel auf Ratatouille mit Buchweizen und Salat“. Fast immer stecken Wildkräuter drin, auf die sich Meßmer spezialisiert hat. Jeden Morgen geht er in den Wald zum Sammeln. Er sieht sich als Botschafter der Nachhaltigkeit, zu dem er sich „aus Überzeugung“ entwickelt hat.

Überzeugungstäter finden sich nicht nur im Tourismusbereich. Das nachhaltige Reiseziel lebt von der Summe der Akteure. Wie jene im Bioenergiedorf St. Peter. Dorthin schnurrt man mit dem Elektroauto, dessen Nutzung mit der Gästekarte ebenso gratis ist wie der E-Bike-Verleih und die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Am südlichen Ende des Hochschwarzwalds öffnet sich die Landschaft zu einer Sonnenterrasse. Im Rheintal hängt noch der Nebel, doch am Horizont grüßt der Kaiserstuhl und sogar die Vogesen kann man erahnen. Zwischen Wald und Weiden weisen die Doppeltürme der Benediktinerabtei den Weg nach St. Peter. Das Bioenergiedorf erzeugt in einer Bürgergenossenschaft dreimal so viel Strom, wie es verbraucht, und zudem 85 Prozent seines Wärmebedarfs - alles aus erneuerbaren Energien. Sechs Windräder stehen unauffällig in Reihe, kleine Wasserkraftwerke verstecken sich im Sägewerk und beim Gasthaus am Flüsschen Glotter, und die Fotovoltaikanlagen fallen auf den grauen Holzschindeldächern von Ställen und Höfen kaum auf. Das Holzgas-Blockheizkraftwerk wird gefüttert mit Forstabfällen und liefert Fernwärme. Auch die rund 18 000 Gäste, die das 2600-Seelen-Dorf jährlich beherbergt, profitieren von der sauberen Energie - in der Ferienpension, im Hallenbad oder beim Klosterbesuch.

Bekehrt werden soll jedoch niemand im nachhaltigen Hochschwarzwald. „Wir wollen bewusst machen, informieren, anregen - und dabei unsere natürlichen Schätze bewahren“, beschreibt Tourismuschef Thorsten Rudolph. Die Schätze erlebt man am besten zu Fuß - auf 1700 Kilometer kindgerechten, lehrreichen, genüsslichen, barrierefreien und gesunden Wanderwegen. Klimatherapeut Nikolaus Prinz hat die Hotzenwegrunde oberhalb des Schluchsees entwickelt und zeigt, wie hier das Heilklima wirkt: Die kontinuierliche Steigung bringt den Kreislauf auf Trab, dank Wechselwirkung von kühler Luft und heißem Körper. Auf sonnigen Abschnitten kurbelt UV-Strahlung die Vitamin-D-Produktion in der Haut an und die kräftige Dosis Tageslicht vertreibt den Winterblues. Dazu lässt die reine Luft Asthmatiker wie Feinstaubstädter aufatmen.

Michael Meßmer beobachtet, dass die Akzeptanz von Nachhaltigkeit zunimmt. Erklären muss er dennoch dauernd: warum das in stundenlanger Fummelarbeit gewonnene Hagebuttenmark nicht zum Auftürmen und Liegenlassen taugt; warum er seine Gäste nicht mehr in der nahen Wutachschlucht abholt, sondern sie auf den Wanderbus verweist. „Bei der Mobilität ist noch viel Luft nach oben“, stellt er fest, greift den Koffer seines Gastes und spaziert mit ihr zum Zug.

Hochschwarzwald

Anreise

Mit dem Zug via Karlsruhe und Freiburg oder über Rottweil und Hüfingen nach Löffingen, www.bahn.de

Unterkunft

Hübsch wohnen und wunderbar essen kann man im liebevoll renovierten Naturparkhotel Linde in Löffingen, DZ/F ab 100 Euro,

www.linde-loeffingen.de. Individuellen

Urlaub für Paare, Familien, Freunde bieten die Kuckucksnester. Die 21 Design-Apartments Hochschwarzwald gibt es in verschiedenen Größen, Übernachtung für 2 Personen

ab 89 Euro, www.kuckucksnester.de

Essen und Trinken

Naturparkwirte sichern den Erhalt der

Kulturlandschaft, indem sie regionale Küche servieren. Zu finden sind sie unter

www.naturpark-suedschwarzwald.de und

https://naturparkschwarzwald.de.

Hochschwarzwald-Card

Gäste bekommen sie bei 500 Gastgebern

ab zwei Übernachtungen. Neben 100

Freizeitangeboten sind E-Auto und

E-Bike für täglich drei Stunden gratis;

www.hochschwarzwald.de/card.

Allgemeine Informationen

Fairtrade-Stadt, www.loeffingen.de;

Bioenergiedorf, http://buergerenergie-st-peter.de Hochschwarzwald Tourismus in Hinterzarten, www.hochschwarzwald.de

Schwarzwald-Touristik in Freiburg,

www.schwarzwald-tourismus.info

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