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Nachhaltige Mode aus alten Säcken kreieren

Handel Dagmar Wiebusch feiert am Samstag mit ihrem Kirchheimer Geschäft „Neues aus altem Leinen“ Silberjubiläum – mit einem Jahr Verspätung. Von Thomas Zapp

Seit 2008 passt auch der Straßenname zu ihrem Geschäft: Die Flachsstraße. Aus Flachs stellt man durch das „Hecheln“ das Leinen h
Seit 2008 passt auch der Straßenname zu ihrem Geschäft: Die Flachsstraße. Aus Flachs stellt man durch das „Hecheln“ das Leinen her.Foto: Carsten Riedl

Ein Leinensack war im 19. Jahrhundert viel wert. So oft es ging, hat man sie wiederverwendet. Dagmar Wiebusch hat einige davon in ihrem Geschäft in Kirchheim ausliegen. „Hier wurde mehrfach geflickt, hier wurde versucht, einen alten Namen wegzuradieren“, erklärt sie. Sie begeistert die Qualität und wie weich diese mehr als 150 Jahre alten Stoffe immer noch sind: „Dadurch unterscheiden sie sich von neuem Leinen.“ Im vergangenen Jahr hätte sie mit ihrem Geschäft „Neues aus altem Leinen“ in der Kirchheimer Innenstadt ihr 25-jähriges Jubiläum gefeiert, aber Corona machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Nun wird es eben „25 plus 1“. Am Samstag, 3. Juni, feiert sie in kleiner Runde ab 10 Uhr vor ihrem Geschäft in der Flachsstraße.

Die Leidenschaft für den traditionsreichen Stoff, der schon im alten Ägypten als wertvolle Grabbeigabe geschätzt wurde, hat sie eigentlich schon in die Wiege gelegt bekommen. Denn aufgewachsen ist sie in Bielefeld. Die Stadt am Teutoburger Wald beherbergte ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die größte Flachsspinnerei Europas, die den Rohstoff zu Leinen „hechelte“, so wurde der Verarbeitungsprozess genannt. Doch es brauchte mehr als zwei Jahrzehnte, bis sie nach einem Designstudium und einer Weltreise der Liebe wegen nach Kirchheim kam und in den frühen 90er-Jahren in ein Bauernhaus in Reudern zog. Dort fand sie von den Vorbesitzern alte Bettwäsche aus Leinen und war fasziniert, wie gut die Qualität immer noch war. Im Gegensatz zu neuem Leinen ist das alte von Hand gewebt, wesentlich dichter und langlebiger. Sie fing an, Westen und Hüte daraus zu machen. Für Freunde hatte sie schon zuvor Lederhosen oder Mützen gemacht, denn für das Modethema hatte sie seither ein Faible - vielleicht weil ihre Mutter zu Hause genäht hat, solange sie denken kann.

Als Dagmar Wiebusch mit ihren selbst genähten Leinenprodukten auf einem regionalen Markt in Weil der Stadt sämtliche Sachen verkaufte, zwischen den Markttagen nachts „nachnähen“ musste und mehr als 1500 D-Mark mit nach Hause nahm, fiel der Entschluss, ein Geschäft zu gründen. In der ehemaligen Bäckerei Stohrer in Kirchheim begann sie 1995, zog 2008 aber ein paar Straßen weiter in etwas größere Räume. „Das musste ich einfach machen, wenn es in der Flachsstraße liegt und der Straßenname derart passt“, sagt sie lachend. Zu den Hüten und Westen kamen Kleider, Jacken, Hosen, Taschen, Kissenbezüge und Accessoires. Die Geschäfte liefen gut, auch wenn das Thema Nachhaltigkeit damals noch nicht so eine große Rolle wie heute spielte. Sie hat sich mit den Jahren ein großes Netzwerk von Leuten aufgebaut, die sie beliefern und ihr die Stoffe manchmal auch schenken. „Mir gefällt der Gedanke, diesen brachliegenden Schätzen eine neue Form zu geben“, sagt sie. Manches Stück bereitet ihr aber auch seelische Schmerzen. Eine alte Frau aus dem Sudetenland hat ihr ein Leinen gebracht, das sie nach dem Krieg auf der Flucht versteckt hatte, weil es zu schwer war. Später kehrte sie zurück, um es zu bergen. „Sie weinte, als sie es mir überreichte. Es ist mir richtig schwer gefallen, in diesen Stoff reinzuschneiden“, erzählt Dagmar Wiebusch gerührt. Sie hebt auch Zettel von geerbten Leinenstoffballen auf, so genau festgelegt ist, wer was von der Ur-Urgroßmutter bekommt. Oder die Geschichte von der Frau, die auf das Leinenkissen den Namen ihres verstorbenen Mannes gestickt hatte, „damit sie ihn immer im Rücken spürt.“

Auch wenn nachhaltige Mode ein Trend ist, werden die Bedingungen für Dagmar Wiebusch nicht unbedingt einfacher. „Meine Sachen sind sehr robust und halten lange. Davon braucht man nicht ständig etwas Neues. Außerdem kann man auch viel über das Internet bestellen“, sagt sie. Generell wünscht sie sich für die Zukunft, dass mehr Menschen darauf kommen, nachhaltig zu kaufen. Für sie selbst soll ihr der Laden auch künftig ermöglichen, aus altem Leinen Neues zu schaffen. Leinen ist für sie eine Herzensangelegenheit und sie fühlt eine Verantwortung für ihr Geschäft: „Wenn ich aufhöre, ist das hier alles weg.“ Dieser Zeitpunkt, das hoffen ihre Stammkundinnen und Stammkunden in der Flachsstraße, möge noch weit in der Zukunft liegen.

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