Unzugeordnete Artikel

Nachtwächter „beleuchtet“ die Geschichte

Historie Gut 30 Interessierte tauchen bei einer abendlichen Führung durch Weilheims Altstadtgassen ein in Vergangenheit und Gegenwart. Von Patricia Jeanette Moser

Humorvoll, mit dem Schalk im Nacken, vermittelt der Nachtwächter sein Wissen. Foto: Patricia J. Moser
Humorvoll, mit dem Schalk im Nacken, vermittelt der Nachtwächter sein Wissen. Foto: Patricia J. Moser

Siegfried Lehmann hat bei der Veranstaltung „Weilheimer Sommer“ als Nachtwächter durch die Altstadtgassen geführt. Gut dreißig Gäste kamen gerne mit, um Interessantes über die Zähringerstadt zu erfahren. Der Nachtwächter und seine Gäste sind mehr als eine Stunde im ständigen Dialog. Humor und Information gehen an diesem Abend gleichberechtigt Seite an Seite. Zuvor genannte Jahreszahlen fragt Nachtwächter Siegfried Lehmann nachträglich ab. Für jeden Treffer zückt er zur Belohnung ein „Schok­lädle“ aus der Nachtwächtertasche. Der Brunnen am Marktplatz ist der abendliche Treffpunkt für zwei Führungen. Noch bei Helligkeit kündigt sich der Nachtwächter, mit seiner Glocke laut schellend, zur ersten Führung an. Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden ist damit geweckt.

Im amtlichen Deutsch informiert Siegfried Lehmann, dass es von 1571 bis 1931 Nachtwächter in Weilheim gab. Deren Aufgabe war es, die Zeit auszurufen und Brände zu melden. Nachtschwärmer wurden von ihm als „Bordsteintrapper“ bezeichnet und hatten sich anständig zu benehmen, wie es weiter hieß.

Bei jedem Stopp durch die Innenstadt Weilheims schweift der Blick rundum. Der Blick zu historischer Bausubstanz geht zunächst hin zum Rathaus aus dem Jahr 1777. Der Bertoldsplatz am modernen Teil des Verwaltungsgebäudes zeigt sich gut belebt. Im Rahmen des „Weilheimer Sommers“ tummeln sich dort die Gäste. Kunsthandwerk, lokaler Weingenuss, Live-Musik und offene Gastronomie locken.

Der Nachtwächter begann seine „Wirtshaus-Tour gestern und heute“ am Kirchturm der Peters­kirche. Der Blick richtete sich über die Stadtmauer hinweg in Richtung Gaststätte „Linde“, die heute die „Post“ ist. Weil einst die Postkutsche dort hielt, wurde der Name geändert. Zwei Weilheimer seien einst nach China gereist. Mit Bezug darauf wurde die Gaststätte, die sie nach ihrer Rückkehr führten, fortan „Chinese“ genannt. In alle Himmelsrichtungen der Zähringerstadt verteilt, gab es 38 Wirtschaften.

Stadtrecht und Marktrecht erläutert der Nachtwächter am Amtshaus, kurz vor dem Durchgang zum Schlossgarten. An der „Löwenscheuer“ erfahren die Gäs­te der abendlichen Stadttour, dass dieses Gebäude ursprünglich ein Schloss war. Die Begriffe Schloss-Scheune und Schloss-Theater leiten sich davon ab. Ein paar Schritte weiter wird der Nachtwächter von einem Wirt begrüßt. Ein willkommenes Schnäpsle am kühler werdenden Sommerabend trifft bei den meisten Teilnehmern der Tour ins Schwarze. An der Buchdruckerei Gienger erfahren die Gäste, dass der seit langem stillgelegte Betrieb noch alle originalen Maschinen beherbergt. „Da sollte ein Museum draus werden“, schlägt der Nachtwächter leidenschaftlich vor.

„Facebook“ an der Molke

Das Molke-Häusle sei das „Facebook der Vergangenheit“ gewesen, erfahren die amüsierten Gäste. Mancher Anwesende sieht sich selbst an diesem Treffpunkt der Jugend von damals.

Am Bertoldsplatz erzählt der Nachtwächter die Geschichte vom namensgebenden Herzog Bertold  I. von Zähringen. Der gedankliche Blick wandert vom Stammsitz des Herzogs hinab zu den heutigen Weilheimer Weinbergen an der Limburg, dem lokalen Hausberg. Historie und Gegenwart werden bei der Nachtwächtertour von Siegfried Lehmann lebendig und humorvoll „beleuchtet“. Ein verdientes Viertele erwartet ihn beim Verein der Weinbergbesitzer am Bertoldsplatz am Ende der Tour.

Die „Nachtschwärmer der Gegenwart“ blieben dem Weilheimer Sommerfest auch bei einsetzendem Regen treu und verweilten gerne bei Live-Musik.

Anzeige