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Neuer Blick auf Weihnachten?

Zum Pro und Contra „Weihnachts-Gottesdienst in der Kirche?“ vom 22. Dezember

Alle Jahre wieder glaubt man, zu „Weihnachten“ sei alles gesagt. Weit gefehlt: Die Südwestpresse schickt seine Hauptstadt-Korrespondenten in die Arena, damit sie im Wortgefecht das Für und Wider von analogen Christvespern in Coronazeiten erörtern. Oben drüber sieht man „Gottvater“ als genervten Supervisor, am Streit eher wenig interessiert.

Verständlich, denn irgendwie kommt kein Feuer in die Debatte. Liegt es daran, dass die Kontrahenten sich ziemlich einig sind? Beide wissen ganz genau, was „die“ Menschen zu Weihnachten in den Kirchen suchen: „Kerzen, Orgel- und Posaunenmusik“, „Verschnaufen“, weiß der eine; „Ansprache, Nähe, Besinnlichkeit“, sekundiert der andere. Beide anerkennen, dass die Kirchen sorgfältig die Hygieneregeln bei ihren Versammlungen beachten; das lässt draußen eventuell Regen und Kälte am Heiligabend erwarten. Nur: ob man unter solchen Umständen besser zu Hause bliebe hinter geschlossener Tür statt draußen mit Maske, ist ein bisschen strittig: „Momente des Trostes“ trotz Abstand seien wichtig, sagt der eine; „von Feierlichkeit keine Spur“, null Stimmung, erwidert der andere.

Dass eine Christvesper kein „spreading event“ sein darf, ist doch klar. Punkt. 2020 geht Weihnachten nur unter erschwerten Bedingungen. Von der „Urszene“ des Festes wird allerdings berichtet: keine Willkommenskultur, ein Stall, schutzlose Intimität, raue Schafhirten aus der Umgebung, bald schon hastige Flucht wegen akuter Lebensgefahr . . . Vielleicht rückt uns dieses Fest in diesem Jahr überraschend näher mit seiner Kargheit und Unbehaustheit; weckt unsere Fantasie zum Gestalten; lehrt Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Dann blickt vielleicht auch der Herr Supervisor von seiner Lektüre auf und staunt, was da unten alles möglich ist.

Walter Bartels, Kirchheim

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