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Nicht jedes Kind hat die gleichen Chancen

Unterstützung Auch im reichen Landkreis gibt es arme Familien: Die Kinderstiftung Esslingen-Nürtingen will allen zu Bildung verhelfen. Von Andreas Warausch

Auch im wohlhabenden Landkreis Esslingen sind Kinder von Armut betroffen. Sie haben nicht die gleichen Chancen - nicht zuletzt in Sachen Bildung - wie ihre aus besser situierten Familien stammenden Altersgenossen. Abhilfe schaffen will die Kinderstiftung Esslingen-Nürtingen, die im Nürtinger Rathaus ihre Arbeit vorstellte.

„Man mag es kaum glauben“, sagt die Nürtinger Bürgermeisterin Annette Bürkner, die Mitglied des Stiftungskuratoriums ist, mit Blick auf die Quote der Kinderarmut im reichen Kreis Esslingen. Bei sieben bis acht Prozent liegt die Quote der Familien mit Kindern, die im Bereich Hartz IV liegen. Im wirtschaftlich starken Baden-Württemberg sei sogar jedes fünfte Kind von Armut betroffen, ergänzt Lisa Kappes-Sassano, die als Regionalleiterin der Caritas Neckar-Fils-Alb Vorsitzende des Kuratoriums der Kinderstiftung ist.

An jenem Punkt setzt die Kinderstiftung Esslingen-Nürtingen an. Vor sieben Jahren wurde sie von der Caritas Fils-Neckar-Alb und dem katholischen Dekanat Esslingen-Nürtingen ins Leben gerufen. Es gehe um Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Die Kinderstiftung sei ein „nachhaltiges Instrument gegen Kindesarmut“, sagt Kappes-Sassano.

Und wie funktioniert dieses Instrument? Viele Dinge, die die Entwicklung der Kinder positiv beeinflussen, kosten auch Geld - und sind deshalb für einkommensschwache Familien schwer bis gar nicht zu realisieren. Das Erlernen eines Instruments, die Mitgliedschaft in einem Sportverein, Tanzen, Schauspielern oder einfach nur das Erkunden des Waldes: Die Kinderstiftung hilft mit finanzieller Unterstützung Kindern in den Bereichen Sport, Kultur, Soziales und Bildung.

Die Arbeit der Kinderstiftung basiert auf drei Säulen, wie Bürgermeisterin Bürkner erklärt. Da ist zum einen die Einzelfallhilfe. Seit ihrer Gründung im Jahr 2012 hat die Kinderstiftung 1500 Einzelfall-Anträge bekommen. Die Nachfrage ist weiterhin ungebrochen. Das ist für Stiftungsgeschäftsführerin Olivia Longin auf der einen Seite ein gutes Zeichen. „Wir sind jetzt bekannt.“ Die aktuellen Zahlen belegen das: Im vergangenen Jahr wurden 494 Einzelfall-Anträge eingereicht. Davon wurden 446 Kinder im Bereich Sport unterstützt, zwölf Kinder beim Erlernen eines Musikinstruments, bei 23 Kindern ging’s um Ferien, 22 wurden im Bereich schulische Förderung unterstützt. Pro Woche gehen gerade zehn Anfragen ein, Tendenz im zweiten Halbjahr traditionell steigend.

Für die Einzelfallhilfen gibt es konkrete Beispiele: Da ist die alleinerziehende Mutter, die nun mit ihrem Sohn zum ersten Mal in Urlaub auf einen Bauernhof kann. Oder die Familie mit Migrationshintergrund: Der Vater mit zwei Jobs, die Mutter kümmert sich um die vier Kinder. Die Kinderstiftung half dabei, dass die älteste Tochter eine Tanzschule besuchen kann.

Eine weitere wichtige Säule der Arbeit der Kinderstiftung ist das Projekt „Chancenschenker“. Dabei begleiten ehrenamtliche Paten Kinder aus einkommensschwachen Haushalten. Die individuelle Förderung soll Kinder stark machen.

Trotz Ehrenamt: Das Projekt „Chancenschenker“ kostet Geld. 90 000 Euro hat die Stiftung in sechs Jahren dafür bislang ausgegeben. Auch das zeigt: Der finanzielle Aufwand der kleinen Stiftung ist nicht zu verachten. Das Stiftungskapital wuchs von 50 000 auf 122 650 Euro. Ganz wichtig seien die vielen treuen Spender, erklärt Geschäftsführerin Longin.

Besonders stolz aber sind die Kuratoriumsmitglieder auf den Kinderbeirat, der gerade aus 14 verschiedene Schularten besuchenden Kindern im Alter zwischen 9 und 17 Jahren besteht. Die Kinder treffen sich zweimal im Jahr und entscheiden selbst über Förderanträge sozialer Hilfsprojekte. Dabei verfügen sie über ein Budget von 2000 Euro im Jahr, für jedes Projekt können maximal 300 Euro gegeben werden. Die Kinder besuchen die Projekte vor Ort. Sie führen Gespräche, machen sich selbst ein Bild. „Ich habe Res­pekt vor der Arbeit des Kinderbeirats“, sagt Olivia Longin. Die Kinder machen gemeinsame Erfahrungen, lernen, dass sie alle gemeinsame Wurzeln haben. „Das ist gut gegen Ausgrenzung“, sagt Bürgermeisterin Bürkner. Und denkt dabei auch ganz pragmatisch: „Die Kinder sind die Bürger von morgen.“ Alle Kinder. Nicht nur die aus wohlhabenden Familien.

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