Unzugeordnete Artikel

Noch liegt Nebel über der Zukunft der Biosphäre

Biosphärengebiet Die Modellregion auf der Schwäbischen Alb gilt als Erfolg. Sie soll erweitert werden. Das grüne Licht der Unesco lässt jedoch coronabedingt noch auf sich warten. Von Thomas Schorradt

Die Teck ragt aus dem Morgennebel. Die Biosphären-Macher hoffen, dass sich der Schleier um die Erweiterung des Gebiets bald lich
Die Teck ragt aus dem Morgennebel. Die Biosphären-Macher hoffen, dass sich der Schleier um die Erweiterung des Gebiets bald lichtet.Foto: Dieter Ruoff

Das Warten geht weiter. Der Abschluss der Unesco-Evaluierung des Biosphärengebiets Schwäbische Alb verzögert sich aufgrund der Corona-Pandemie erneut. Mit einer Rückmeldung rechnet die Bio­sphärenverwaltung inzwischen erst im September. Ursprünglich hatte das Unesco-Zeugnis schon im Juni 2020 ausgestellt werden sollen. Dass das Biosphärengebiet Schwäbische Alb das Klassenziel erreicht, daran zweifelt niemand. Ärgerlich ist die Verzögerung aber allemal, denn der daran anknüpfende Prozess zur Erweiterung des Gebietes muss nun ebenfalls auf die lange Bank geschoben werden.

Im Jahr 2009, ein Jahr nach der Gründung, hatte das Biosphärengebiet Schwäbische Alb erstmals das Unesco-Gütesiegel verliehen bekommen. Die Auszeichnung ist mit einem Verfallsdatum versehen. Um das werbewirksame Etikett zu behalten, muss ein Bio­sphärengebiet - 16 gibt es mittlerweile bundesweit, mehr als 700 weltweit - im Zehnjahresrhythmus auf den Prüfstand. Zwei Jahre lang war auch das 85 269 Hektar große Gebiet auf der Schwäbischen Alb auf Herz und Nieren geprüft worden.

Ohne Zeugnis keine Erweiterung

Auf der Grundlage des weltweit gültigen Kriterienkatalogs für Bio­sphärengebiete ist dabei ein 80 Seiten starker Evaluationsbericht herausgekommen. Er gibt Rechenschaft darüber ab, ob und wie gut es in den vergangenen zehn Jahren gelungen ist, in den Kern-, Pflege- und Entwicklungszonen auf der Alb den Dreiklang von Ökologie, Ökonomie und Sozialstruktur zu harmonisieren.

„Wir warten sehnsüchtig auf die Leitlinien der Unesco. Denn erst, wenn diese Empfehlungen vorliegen, können wir ernsthaft über Neuaufnahmen und neue Grenzziehungen reden“, sagt ­Achim Nagel, der Leiter des Biosphären­gebiets. Die Rückmeldungen der Unesco sind seinen Worten zufolge maßgebend für die künftige Ausrichtung und damit auch für eine Gebietserweiterung. „Es geht nicht nur darum, das Gebiet auszuweiten. Wir streben eine qualitative Weiterentwicklung an“, sagt er.

Abrundung des Gebiets

Sicher sei es sinnvoll, die geografischen Ecken und Einschnitte abzuschleifen. „Aber wir wissen nicht, ob in den Augen der Unesco eine Abrundung am Albtrauf oder an der Donau mehr Sinn macht“, so Nagel. Zudem seien mit den Leitlinien auch inhaltliche Wegweisungen verbunden. „Das könnte dann in Richtung mehr umweltfreundliche Mobilität, mehr Soziales oder mehr nachhaltiges Bauen gehen“, spekuliert Nagel.

Nicht nur in der Geschäftsstelle im Alten Lager in Münsingen wird die Post aus Paris sehnlichst erwartet. Den Angaben Nagels zufolge liegen in der Biosphärenzentrale im ehemaligen Kasernengelände des Truppenübungsplatzes die Anfragen von 44 Kommunen aus sieben Landkreisen in der Schublade. „Das Spektrum reicht vom formlosen Vorfühlen bis hin zu schon konkreten Interessensbekundungen“, sagt der Geschäftsführer.

Hohe Zustimmungswerte

Das große Interesse an einer Aufnahme in das Biosphärengebiet ist nachvollziehbar - und nachlesbar. Der Evaluationsbericht, der sich am Leitbild einer naturschutzorientierten und nachhaltigen Regionalentwicklung orientiert, gleicht in weiten Passagen einem Erfolgsbericht.

So ist es vor allem gelungen, die für deutsche Biosphärengebiete einzigartige Vielfalt an Lebensräumen, von den Streuobstwiesen bis zu den dunklen Schluchtenwäldern am Albtrauf, in ihrer Gesamtheit zu bewahren. Dass das kein Selbstläufer ist, zeigt der Rückgang der Streuobstfläche um rund 0,7 Prozent auf 5187 Hektar - bei gleichzeitiger Zunahme der Siedlungs- und Verkehrsfläche um 5,3 Prozent. Hier, bei dem zu hohen Flächenverbrauch, dürfte den Bio­sphären-Verantwortlichen wohl ein tadelnd erhobener Zeigefinger aus Paris gewiss sein. Als nachbesserungswürdig wird parallel dazu auch das dünne Angebot an Bus- und Bahnverbindungen empfunden.

Als Erfolgsmodell gilt dagegen die touristische Vermarktung. So konnte die Zahl der Gästeankünfte seit 2009 um rund 17 Prozent gesteigert werden. Mit den unter dem Label „Hochgehberge“ neu ausgewiesenen mehr als 20 Premiumwanderwegen ist der Weg für weitere Höhenflüge bereitet. Ein Pfund, mit dem das Biosphärengebiet auch in den kommenden zehn Jahren wuchern kann, ist die öffentliche Wahrnehmung. Mehr als 70 Prozent Zustimmung und nur zwei Prozent Ablehnung in der Bevölkerung gelten als Beleg dafür, dass es sich bei dem Schutzgebiet nicht um ein künstlich übergestülptes Gebilde, sondern um eine Herzensangelegenheit der mittlerweile rund 150 000 Bewohnerinnen und Bewohner in der Modellregion handelt.

Anzeige