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Noch sind die Würfel nicht gefallen

Wahl Was die Bundeskanzleranwärter können, können die regionalen Kandidaten zur 20. Bundestagswahl schon lange. Sie trafen sich zu fünft zum Wahlopoly im Kirchheimer Club Bastion. Von Thomas Krytzner

Moderatorin Gesa von Leesen (vorne) ließ nicht locker und fühlte den Bundestagskandidaten Dr. Nils Schmid von der SPD, Renata Al
Moderatorin Gesa von Leesen (vorne) ließ nicht locker und fühlte den Bundestagskandidaten Dr. Nils Schmid von der SPD, Renata Alt von der FDP, Michael Hennrich von der CDU, Matthias Gastel von den Grünen und Hüseyin Sahin von den Linken (von rechts) in der Bastion auf den Zahn.Foto: Thomas Krytzner

Während sich am Sonntagabend die drei Spitzenkandidaten erneut zum TV-Triell trafen, ging es bei der jüngsten Wahlkampfveranstaltung in der Bastion deutlich gemütlicher zu. Renata Alt (FDP), Hüseyin Sahin (Linke), Matthias Gastel (Grüne), Michael Hennrich (CDU) und Nils Schmid (SPD) fanden sich zum Wahlopoly ein und ­stellten sich den Fragen der Moderatorin Gesa von Leesen, die das Spiel gemeinsam mit Martin Auerbach, dem Kreisverbandsvorsitzenden des DGB Esslingen-Göppingen, startete. Die Kandidatin und ihre vier Mitstreiter durften sich der Reihe nach Würfel und farbige Hütchen schnappen. Auf dem überdimensionierten Spielfeld bestimmte die Zahl der gewürfelten Augen das Fragenthema. Damit das Frage- und Antwortspiel mehr Biss bekam, erhielten die Politikvertreter jeweils drei Veto-Karten, die sie nach Belieben einsetzen konnten. Die Redezeit war auf zwei Minuten begrenzt. Die FDP-Kandidatin Renata Alt durfte beginnen und landete direkt beim Thema Gesundheit. Gefragt nach der Einführung der Mindestbesetzungsregeln in Kliniken, bestätigte Renata Alt, dass das Defizit nicht erst seit heute bekannt sei. „Es muss am besten mit Arbeitskräften aus dem eigenen Land geregelt werden“, betonte sie und forderte bessere Bezahlung und geeignete Unterkünfte für das Pflegepersonal. Erstmals beim Politikspiel dabei war Hüseyin Sahin von den Linken. Sein Würfelwurf brachte ihm ein freies Thema ein. Er kritisierte die Ungerechtigkeit beim Vermögen und stellte fest: „Es gibt keine gerechte Verteilung, und Corona hat die Schere zwischen arm und reich vergrößert.“ Vermögen soll deshalb gerechter besteuert werden. Für den Grünen-Politiker Matthias Gastel ging’s beim Wahlopoly zur Arbeit. Gesa von Leesen wollte wissen: „Was unternehmen die Grünen gegen die sinkende Tarifbindung?“ Der langjährige Bundestagsabgeordnete stellte in Aussicht, dass mit einer grünen Regierung öffentliche Aufträge nur noch an Unternehmen mit Tarifbindung vergeben werden. Zudem betonte er: „Wir unterstützen einen höheren Mindestlohn.“

Diskussion um Verteidigungsetat

Michael Hennrich erspielte sich ein freies Thema und beschäftigte sich mit der Beteiligungspolitik: „Ich plädiere dafür, dass Deutschland die Verpflichtung zur NATO-Beteiligung einhält.“ Das Ziel, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigungsausgaben zur Verfügung zu stellen, müsse erreicht werden. Hier gab’s das erste Veto von Matthias Gastel: „Ich halte nichts von diesem Ziel.“ Er begründete seine Ablehnung damit, dass die Politik das Beschaffungswesen verändern müsse. „Es bringt nichts, wenn wir noch mehr Flugzeuge in der Armee haben, die nicht fliegen.“ Nils Schmid, ehemaliger Landtagsabgeordneter und Landesvorsitzender der SPD, durfte sich am Spieleabend mit der Frage auseinandersetzen, wie seine Partei die Klimawende sozial gestalten will. Er ist überzeugt: „Statt mit steigenden Marktpreisen Signale zu setzen, müssen Anreize geboten werden. Es reicht nicht aus, wenn die Politik nur Klimapreise neugestaltet.“ Nils Schmid behauptet, dass der soziale Klimawandel nur über einen längeren Zeitraum möglich ist.

Impfen ist immer ein Thema

Auch in der zweiten Runde stellte die Interviewerin bohrende Fragen über Geld, Flüchtlingslager und Gesundheit. Parteiübergreifende Unterstützung gab es zwischen Matthias Gastel und Michael Hennrich, als es um die Lizenzfreigabe bei Impfstoffen gegen das Coronavirus ging. Da sind sich die Grünen und die Christdemokraten einig: Eine Lizenzfreigabe sei abzulehnen. Gastel präzisiert: „Wenn man Impfstoffe freigibt, ist der Anreiz zur Weiterentwicklung niedriger.“ Michael Hennrich nahm die Privatinvestoren in Schutz: „Sie haben viel Geld in die Entwicklung des Impfstoffs gesteckt. Durch die Freigabe von Patenten würden benötigte Kooperationen verloren gehen.“ Dagegen legte Linken-Politiker Hüseyin Sahin entschieden ein Veto ein: „Patente müssen aufgehoben werden, damit Impfstoffe auch in Afrika produziert werden können. Das ist ein grundsätzliches Thema.“

Nach drei Spielrunden war Schluss und das Publikum durfte in einer nicht repräsentativen Abstimmung bekanntgeben, wen es in Zukunft wieder oder auch zum ersten Mal im Bundestag sehen möchte. Überzeugt hatten am Ende wohl alle fünf Kandidaten. Denn: Es gab kein deutliches „Nein“.

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