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Nur noch dieses Spiel

Literatur Das Duo Phantasma bietet in der Stadtbibliothek Stefan Zweigs Novelle „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“. Die Veranstaltung ist weitaus mehr als nur eine Lesung. Von Ulrich Staehle

Kleine rote Lichtelemente unterstützen die geheimnisvolle Atmosphäre, in der sich die Zuhörer ganz auf die ­Erzählung konzentrie
Kleine rote Lichtelemente unterstützen die geheimnisvolle Atmosphäre, in der sich die Zuhörer ganz auf die ­Erzählung konzentrieren können.Foto: Markus Brändli

In Stefan Zweigs „Novelle einer Leidenschaft“ hat sich ein Ich-Erzähler in einer kleinen Pension an der Riviera in der Nähe von Monte Carlo einquartiert. Einem Gast, Vater von zwei halbwüchsigen Töchtern, brennt die Frau mit einem jungen Mann durch. Diese „unerhörte Begebenheit“ wird unter den Gästen diskutiert. Der Erzähler hat als einziger ein gewisses Verständnis für das Verhalten der Frau. Dadurch gewinnt er das Vertrauen einer Mrs. C., einer älteren englischen Dame. Sie treffen sich unter vier Augen und sie erzählt ihm 24 Stunden ihres Lebens von einer ungewöhnlichen und unvergesslichen Begegnung.

Mrs. C. greift auf Ereignisse vor 25 Jahren zurück. Als 42-jährige Witwe und Mutter zweier erwachsener Söhne lernt sie im Casino von Monte Carlo einen 24-jährigen jungen Mann kennen, der, völlig dem Spieltrieb verfallen, mittellos, nur noch den Tod vor sich sieht. Sie versucht, ihm zu helfen, bis zur Selbsterniedrigung. Schließlich ist er bußfertig, schwört sogar in einer Kirche, nicht mehr zu spielen, sondern abends mit dem Zug abzureisen. Sie ist von sich selbst überrascht, wie sie von dem jungen Mann so magisch angezogen wird, dass sie sogar bereit wäre, mitzureisen. Ihre Enttäuschung ist entsprechend tief, als sie ihn am Spieltisch wiederfindet, wo er das von ihr geliehene Geld verspielt und sie zurückstößt. Nach Jahren erfährt sie, dass er sich erschossen hat. Mrs. C. ist erleichtert, dass sie ihre Geschichte einem unvoreingenommenen Zuhörer erzählen konnte. Sie hat sozusagen einen Therapeuten gefunden im Sinne Freuds. Mit dem Tiefenpsychologen, dem Entdecker des Unbewussten, stand Zweig in freundlichem Austausch.

Wenn nun das Duo Phantasma aus Esslingen im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Texte und Töne“ mit dieser Novelle nach Kirchheim kommt, ist der Erfolg vorprogrammiert. Der Text ist zum Vorlesen bestens geeignet. Michael Stülpnagel erzählt nun, was die englische Dame dem Ich-Erzähler erzählt: Im halbdunklen Zuschauerraum bewirken kleine rote Lichtquellen eine geheimnisvolle Atmosphäre, in der sich die Zuhörer ganz auf die Erzählung konzentrieren können. Die Art, wie dieser ausgewiesene Profisprecher erzählt, ist absolut fesselnd: Der Text seiner „Lesung“ liegt inmitten dieser rötlichen Beleuchtung unter einem kleinen hellen Lämpchen. Er liest aber nicht ab, sondern scheint sich von der Textvorlage nur Stichworte zu holen, um, dem Publikum zugewandt, die Geschichte zu erzählen. Er modelliert sprachlich und gestisch die hochdifferenzierte, plastische Sprache des Sprachgenies Stefan Zweig heraus.

Unterstützt wird er von seinem Partner Johannes Weigle, der entspannende Zwischenspiele einfügt und die ohnehin musikalische Sprache am Klavier und mit verschiedenen Instrumenten untermalt. Bei einigen Passagen überlagert allerdings die Musik den Text.

Das Duo Phantasma hat im Vorfeld schon einige Vorarbeit geleis­tet. Es hat die Novelle auf 90 Minuten Erzählzeit gekürzt, ohne dass spürbare Risse entstanden, indem es sich ganz auf das Thema Sucht und die damit verbundenen Personen konzentrierte.

Erfreulich ist, dass die beliebte Veranstaltungsreihe „Text und Töne“ mit der neuen Bibliotheksleiterin Carola Abraham eine gelungene Fortsetzung gefunden hat. Dazu war eine große Anstrengung des Personals nötig, allein schon, was die Gestaltung des äußeren Rahmens betrifft.

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