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Ohne Flexibilität geht gar nichts

Interview Wie bringen Frau und Mann Job und Familie unter einen Hut? Der Teckbote hat mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landratsamts Esslingen darüber gesprochen. Von Antje Dörr

Kinderbetreuung und Beruf, das beißt sich häufig. Das Landratsamt Esslingen ist hier auf einem guten Weg.Foto: Markus Brändli
Kinderbetreuung und Beruf, das beißt sich häufig. Das Landratsamt Esslingen ist hier auf einem guten Weg.Foto: Markus Brändli

Das Landratsamt ist für familien- und lebensphasengerechte Personalpolitik von einem Kuratorium ausgezeichnet worden (siehe Info).

Was hat Ihre Behörde denn getan, um diese Auszeichnung zu verdienen? Welche Maßnahmen sind konkret gemeint?

Annette Zoll-Decandia: Ein wichtiges Instrument sind flexible Arbeitszeitmodelle, wie wir sie hier im Haus haben. Wir sind schon lange weg von der starren Kernarbeitszeit und leben ein Rahmenarbeitszeit-Modell, bei dem die Kolleginnen und Kollegen zwischen 6.30 und 19.30 Uhr arbeiten können. Es ist zum Beispiel möglich, länger Mittagspause zu machen oder mit dem Kind zwischendurch zum Kinderarzt zu gehen, wenn der Dienstbetrieb es zulässt. Das erlebe ich im Alltag als sehr hilfreich. Die Teilzeitbeschäftigung ist ein weiteres Instrument, das den Rückkehrerinnen einen früheren Einstieg ermöglicht. Natürlich hat Teilzeitarbeit auch negative Seiten, weil sie die Rentenbezüge erheblich schmälert. Aber 40 Prozent unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzen sie, in der überwiegenden Mehrheit Frauen.

Wie hoch ist der Frauenanteil im Landratsamt? Zoll-Decandia: Wir haben einen sehr hohen Frauenanteil. 75 Prozent der Beschäftigten sind Frauen. Knapp die Hälfte davon arbeitet in Teilzeit.

Wie sieht es mit mobilem Arbeiten aus?

In der neuen Dienstvereinbarung, die seit Jahresanfang in Kraft ist, unterscheiden wir zwischen Telearbeit und mobilem Arbeiten. Die Telearbeit ist an einen häuslichen Arbeitsplatz gebunden und kann bis zu 50 Prozent des Arbeitsumfangs umfassen. Die mobile Arbeit ist räumlich ungebunden und momentan bis zu 20 Prozent für Führungskräfte möglich.

Gab es zu Beginn der Pandemie noch gar keine Tele-Arbeit im großen Stil?

Im Landratsamt besteht seit 2003 die Möglichkeit zur Telearbeit. Vor Beginn der Pandemie gab es rund 130 Vereinbarungen zur Telearbeit. Während der Pandemie wurde rund der Hälfte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ermöglicht, in Telearbeit zu arbeiten, um das Wechselmodell von Anwesenheit und Homeoffice gut umzusetzen. Jetzt greift die neue Dienstvereinbarung. Sie ist ein klares Bekenntnis, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter zu fördern. Ich finde, dass es ein zeitgemäßes und gutes Instrument ist. Jetzt muss es mit Leben gefüllt werden und als das genutzt werden, was es ist: nämlich eine große Chance für alle.

Wie lässt sich der Erfolg dieser Maßnahmen messen? Ist der Anteil der Frauen, die im Landratsamt Dezernentenstellen besetzen, gestiegen, gibt es mehr Geschlechtergerechtigkeit?

Im Landratsamt sind von fünf Dezernatsleitungen drei weiblich besetzt. Das freut mich als Gleichstellungsbeauftragte natürlich sehr. Zwischen 2011 und 2021 hat sich der Anteil der Frauen in Führungspositionen insgesamt gesteigert: von 31 auf 54 Prozent. Das ist auch eine Erfolgsstory. Als Gleichstellungsbeauftragte liegt es mir am Herzen, das weiterhin zu fördern. Auch in unserem Nachwuchsführungskräfteprogramm, in dem Kolleginnen und Kollegen für Leitungspositionen qualifiziert werden, ist der Frauenanteil gestiegen: von 69 Prozent im Jahr 2011 auf 87 Prozent im Jahr 2021. Wir wissen, dass Frauen sich nur dann auf Führungspositionen bewerben, wenn sie das Gefühl haben, dass sie den Job gut mit ihrer Familienverantwortung vereinbaren können. Das zeigt mir, wie wichtig die Instrumente zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und persönlichem Umfeld sind. Die Zertifizierung bestärkt uns in der Erkenntnis, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Gesellschaftlich betrachtet stoßen wir mit solchen Maßnahmen aber durchaus an Grenzen. Die Corona-Krise hat ans Licht gebracht, dass die tradierten Rollenmuster noch existieren und gelebt werden. Wenn Frauen zwar in systemrelevanten Berufen arbeiten, aber weniger verdienen als ihre Männer, dann entscheidet das sehr schnell über die Frage, wer Vollzeit arbeitet und wer nicht beziehungsweise wer dann die Versorgung der Familie übernimmt.

Über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben wir gesprochen. Aber was bedeutet denn lebensphasengerechte Personalpolitik?

Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wir haben im Sozialdezernat den Bereich der Pflegestützpunkte mit Mitarbeiterinnen, die sich zur Pflegelotsin weiterqualifiziert haben. Diese Pflegelotsinnen beraten nicht nur die Einwohner im Landkreis Esslingen, sondern auch die Mitarbeiter des Landrats- amtes. Das ist eine tolle Sache, weil viele Kolleginnen und Kollegen pflegebedürftige Angehörige haben. Auch für andere lebenszyklische Ereignisse wie Schwangerschaft gibt es Angebote des Landratsamts. Engagierte Kolleginnen beraten zu den Themen Mutterschutz und Elterngeld, was für junge Familien ja wirklich ein Dschungel sein kann. Wir wollen bei Ereignissen und Krisen in jeder Lebensphase unterstützen.

Wo gibt es im Landratsamt noch Verbesserungsbedarf?

Ich bin gespannt darauf, wie sich das Arbeiten unter der Dienstvereinbarung über Telearbeit und mobiles Arbeiten entwickeln wird. Das ist ja für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für die Führungskräfte eine wesentliche Veränderung. Ich gehe davon aus, dass mobile Arbeitsmodelle weiter voranschreiten. Das bedeutet auch eine große Herausforderung für die IT-Abteilung im Landratsamt, aber ich bin da optimistisch. Durch die Pandemie ist die Digitalisierung rasant vorangetrieben worden, und da sind wir mit dabei.

Annette Zoll-Decandia
Annette Zoll-Decandia
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