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Palmer und die Lieferketten

Zum Artikel „Grüne entziehen Tübinger OB Palmer die Unterstützung“ vom 5. Mai

Boris Palmer hat völlig recht, wenn er darauf hinweist, dass das coronabedingte Herunterfahren unserer Wirtschaft auch verheerende Folgen für die Menschen im globalen Süden hat, vor allem für Frauen und Kinder.

Eine vergleichende Gegenüberstellung dieser betroffenen Menschen im Süden mit alten Menschen bei uns ist aber trotzdem falsch und unhaltbar, weil damit ein Urteil über den Wert eines Menschenlebens gefällt wird, das niemandem zusteht.

Was Palmer aber leider versäumt hat: Er hätte bei dieser Gelegenheit öffentlich Textilfirmen geißeln können wie zum Beispiel C&A und Primark. Diese Modeketten haben bereits am 22. März alle Aufträge in Bangladesh entschädigungslos storniert und verweigern den dortigen Zulieferfirmen die Zahlung sogar für Textilien, die bereits produziert waren. Kaum ein Zulieferer wird es wagen, dagegen zu klagen, aus Angst, dann keine Aufträge mehr zu bekommen. Die Zulieferfirmen tragen das gesamte Risiko der Produktion alleine, von der Materialbeschaffung bis zu den Lohnkosten. Die hiesigen Modeketten fühlen sich dafür nicht verantwortlich, denn ein Lieferkettengesetz, das menschenrechtsverachtende Unternehmenspraktiken verhindern könnte, existiert in Deutschland immer noch nicht, weil es als wirtschaftsfeindlich gilt . . .

Währenddessen stranden im globalen Süden jetzt schon Zigtausende Wanderarbeiter aus der Textilindustrie und anderen Branchen ohne Lohn, soziale Absicherung oder Gesundheitsversorgung in von Corona hochgefährdeten Massenunterkünften. Aber C&A und Primark geht das alles nichts an. Das hätte Palmer sagen können.

Martin Brost, Dettingen

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