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Pläne, Träume und Albträume

Kino Der Nürtinger Traumpalast ist corona-bedingt geschlossen. Filmtheaterbetreiber Heinz Lochmann arbeitet an einem Konzept für Auto-Kinos. Von Gaby Weiß

Der Traumpalast Nürtingen hat wegen der Corona-Pandemie geschlossen.Foto. Gaby Weiß
Der Traumpalast Nürtingen hat wegen der Corona-Pandemie geschlossen.Foto. Gaby Weiß

Seit dem 16. März ist der Nürtinger Traumpalast geschlossen - der „Shutdown“, der die Ausbreitung des Corona-Virus verlangsamen soll, hat dafür gesorgt. „Ein Restaurant kann seine Mahlzeiten wenigstens zum Mitnehmen anbieten, bei uns geht gar nichts, null. Alle Häuser sind zu, die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit“, sagt Traumpalast-Chef Heinz Lochmann, der knapp ein Dutzend Lichtspielhäuser in ganz Deutschland betreibt.

Nun arbeitet der Unternehmer an einem Konzept für ein Autokino, an dem - so viel verriet Lochmann - auch Nürtingens Oberbürgermeister Interesse zeigt.

Für Lochmann gehen der Schutz und die Sicherheit seiner Mitarbeiter und der Besucher vor: „Es ist völlig richtig, dass man die Kinos geschlossen hat. Jetzt ist erst einmal die Gesundheit wichtig.“

Könnte Lochmann die erzwungene Schließung nicht nutzen, um seine Kinos technisch aufzurüsten oder zu sanieren? „Technisch sind wir überall auf dem neuesten Stand, da müssen wir nichts nachrüsten. Sanierungen stehen nicht an. Investitionen verschieben wir aufs nächste Jahr. Und Großputz machen wir, bevor wir wieder aufmachen dürfen.“

Trotzdem ist Lochmann in diesen Tagen nicht untätig: Jeder, der jetzt online bei den Traumpalast-Kinos einen Gutschein für die Nach-Corona-Zeit kauft, erhält bei Einlösung eine Gratis-Portion Popcorn dazu. Lochmann freut sich, dass dieses Angebot von den Kino-Fans geschätzt wird: „Das wird sehr, sehr gut angenommen. Wir freuen uns riesig, dass uns die Kunden die Treue halten.“

Derzeit tüftelt er mit einem kleinen Team an einem Konzept für ein Autokino, das demnächst in Schorndorf starten soll. „Der Bürgermeister von Schwäbisch Gmünd hat sich schon bei mir gemeldet, ob wir das im Anschluss dann bei ihm machen könnten.

Und auch mit Johannes Fridrich, dem Nürtinger OB, habe er gesprochen. „Er meinte, dass das doch auch eine tolle Sache für Nürtingen wäre“, freut sich Lochmann über die ersten Reaktionen. Aber er will einen Schritt nach dem nächsten machen: „Das ist für uns eine Premiere. Jetzt starten wir einen ersten Versuch und schauen, wie das funktioniert und wie es ankommt. Wenn alles klappt und wir Kapazitäten haben, machen wir das gerne auch in Nürtingen“, verspricht er.

Natürlich macht er sich Gedanken darüber, wie bei einer möglichen Lockerung ein im Einklang mit den Infektionsschutzbestimmungen stehender Kinobetrieb künftig möglich sein könnte: „Ich hirne Tag und Nacht. Aber wenn das nur geht, indem wir Security am Eingang haben, wenn sich nur zehn Leute gleichzeitig im Foyer aufhalten dürfen, wenn wir rechts und links neben jedem Kinobesucher zwei Plätze und vor und hinter ihm eine ganze Reihe freihalten müssen, dann ist das wirklich nicht das Kino-Erlebnis, das ich meinen Gästen anbieten möchte. Dann lasse ich meine Kinos lieber noch eine Woche länger zu.“ Der „Shutdown“ hat weitreichende Folgen für die ganze Branche: „Das wirft alles komplett über den Haufen: Filmstarts werden verschoben, der neue Bond, der neue Marvel-Streifen oder Top Gun - alle kommen später.“ Weil aber, so der Kino-Experte, auch die Filmproduktion stillsteht, ist er guten Mutes: „Rein theoretisch könnte es nach dieser Zwangspause dann nahtlos weitergehen, wenn alles gleichzeitig wieder anläuft.“

Auf der anderen Seite weiß Lochmann auch, dass diese Zeit für kleinere Kinos existenzgefährdend sein kann. Und er weiß schon heute, dass nach dem Neustart jeder Kinobetreiber auf Filme setzt, die viel Publikum und damit hohe Einnahmen versprechen. Diese Blockbuster werden zwangsläufig kleinere Filme ins Abseits manövrieren: „Eine gewisse Kannibalisierung kann ich nicht ausschließen, die Großen werden die Kleinen verdrängen“, bedauert er.

Angst, dass sich die Kinofreunde während der Kontaktsperre an das Streamen von Filmen auf dem heimischen Sofa gewöhnen und künftig gar nicht mehr ins Kino gehen, hat Lochmann nicht: „Ich hoffe, dass die Leute die Vorzüge des Kinos - die Faszination der großen Leinwand, die tolle Tonqualität, das Gemeinschaftsgefühl - vermissen und das nach Corona noch mehr zu schätzen wissen.“ Und er setzt auf die menschliche Natur: „Der Mensch ist ein soziales Wesen, er will mit der Familie, mit Freunden und Kumpels ausgehen und zusammen sein.“

Also versucht der Kino-Macher, optimistisch in die Zukunft zu schauen: „Ich hoffe, dass das bald ausgestanden ist. Aber nicht nur wegen meines Kino-Unternehmens, ich hoffe das für die Gesellschaft, für die Menschen und für das Miteinander. Denn wenn irgendwann jeder nur noch zu Hause sitzt, dann braucht er weder tolle Klamotten noch Parfüm, eine gute Frisur oder ein schönes Auto, weil’s eh keiner mehr sieht. Und wenn es so weit käme, wäre das fürchterlich, dann wäre das Kino das kleinste Problem.“

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