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Powerfrauen

Rosa Luxemburg, die Sozialistin; Olympe de Gouges, die Frauenrechtlerin; Bertha von Suttner, die Pazifistin - diese drei Frauen sollen beispielhaft für die vielen Frauen stehen, die trotz schwierigster persönlicher Situation ihr Ziel verfolgten und dabei sehr oft ihr Leben aufs Spiel setzten.

Rosa Luxemburg. Geboren wurde sie am 5. März 1871 in Zamosc, einer Kleinstadt im russisch annektierten Polen, als fünftes Kind eines jüdischen Holzhändlers. Die Eltern waren nicht religiös, jedoch um die Bildung ihrer Kinder besorgt. Das Abitur auf einem Warschauer Mädchengymnasium bestand sie mit Auszeichnung. Sie wurde Mitglied in der verbotenen polnischen Arbeiterpartei „Proletariat“ und musste 1889 in die Schweiz flüchten. Dort studierte sie Nationalökonomie, Politik und Geschichte und lernte Leo Jogiches kennen, einen russischen Revolutionär, mit dem sie bis 1906 ein enges Verhältnis hatte. Zusammen mit ihm versuchte sie, die polnischen Sozialisten vom Kampf um ein vereintes Polen abzubringen; stattdessen sollten sie sich international organisieren, wie es schon Marx und Engels gefordert hatten („Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“). Diese Haltung brachte ihr die Gegnerschaft vieler polnischer Sozialisten ein, die sich auch in antisemitischen Parolen äußerte. Da die SPD zu jener Zeit als die fortschrittlichste Arbeiterpartei galt, fuhr sie nach Berlin, wo sie durch eine Scheinheirat die deutsche Staatsangehörigkeit erwarb. Doch bald gab es auch hier Divergenzen, denn die deutsche Sozialdemokratie trat für Reformen ein, während Rosa weiterhin den Klassenkampf und die Revolution propagierte. Allerdings lehnte sie auch die Vorstellungen von Lenin ab, denn sie sah die Gefahr, dass sich die Diktatur des Proletariats in eine Diktatur der Partei über das Proletariat verkehren würde. Massiv setzte sie sich gegen einen drohenden Krieg ein, 1913 rief sie sogar zur Befehlsverweigerung auf. Das brachte ihr die dritte Gefängnisstrafe ein, nach den Verurteilungen von 1904 und 1906 wegen Majestätsbeleidigung bzw. Anreizung zum Klassenhass. Erst am 9. November 1918 kam sie wieder frei. In der Haft verfasste sie viele Briefe und Schriften. Nach ihrer Haftentlassung, als in Deutschland der Kaiser abgedankt und die SPD die Regierung übernommen hatte, gründete sie zusammen mit Karl Liebknecht die KPD. Diese organisierte Anfang Januar 1919 Massendemonstrationen (Spartakus-Aufstand), die von Regierungstruppen blutig niedergeschlagen wurden. Die Anführer mussten untertauchen. Schon im Dezember 1918 hatte es Aufrufe zum Mord an ihnen gegeben. Die Antibolschewistische Liga bezahlte Freikorps, die Spartakisten aufzuspüren und zu ermorden. Am 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg festgenommen. Im Hotel Eden wurde sie verhört und misshandelt, auf dem Transport zum Gefängnis erschossen und danach in den Landwehrkanal geworfen, aus dem ihre Leiche erst im Mai geborgen wurde. Die beiden Ausführenden des Mordes wurden nur zu geringen Haftstrafen verurteilt, die Auftraggeber nie zur Verantwortung gezogen. Wofür stand sie ein? Für einen demokratischen Sozialismus, für allgemeine Wahlen und Pressefreiheit. Ihr berühmtestes Zitat ist eindeutig: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für die Mitglieder einer Partei - mögen sie noch so zahlreich sein - ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern.“

Olympe de Gouges Sie wurde als Marie Gouze am 7. Mai 1748 in Montauban geboren. Ihre Mutter war Wäscherin, ihr Vater Metzger (aber wahrscheinlich war ihr leiblicher Vater ein reicher Landadeliger). Vermutlich konnte sie in ihrer Kindheit nur Grundkenntnisse des Lesens und Schreibens erwerben, überdies sprach sie Okzitanisch und nicht das Hauptstadt-Französisch. Deshalb nutzte sie die Gelegenheit, als sie sich in Paris niedergelassen hatte, zu intensivem Selbststudium: Kultivierung des Französischen, Lektüre literarischer und politischer Schriften, Theaterbesuche und schließlich eigene literarische Versuche. Bereits 1774 verfasste sie eine Denkschrift gegen die Sklaverei - allerdings wurde diese erst nach der Revolution veröffentlicht, ihres Geschlechtes wegen! 1785 schrieb sie ein Theaterstück zum gleichen Thema, nun unter dem Künstlernamen Olympe de Gouges. Wegen des brisanten Themas wurde sie sogar in der Bastille inhaftiert. Von Anfang an war sie, wie auch andere Autorinnen (z. B. Madame de Stael, Madame Roland etc.), konfrontiert mit Anfeindungen aus diversen politischen Richtungen. Es war unglaublich, dass eine „femme auteur“ sich mit literarisch seriösen Theaterstücken politischen Inhalts an die Öffentlichkeit wagte. Während der Revolution wurde sie eine leidenschaftliche Verfechterin der Menschenrechte der Frau, denn auch die Revolutionäre schlossen die weibliche Hälfte der Bevölkerung aus. 1791 erschien die Déclaration des droits de la Femme et de la Citoyenne (Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin), da mit dem politischen Sieg des Dritten Standes nur die Rechtsgleichheit aller Männer erstritten worden war. Sie verlangte eine neue, universal-egalitäre Verfassung und einen Gesellschaftsvertrag, in dem die Eherechte auf gleichberechtigter Basis geregelt werden sollten. Unter der Terrorherrschaft Robes­pierres wurde sie verhaftet und am 3. November 1793 auf der Place de la Concorde durch die Guillotine hingerichtet. Die Anklage lautete auf Unterstützung der Monarchie, aber der Hauptgrund ihrer Verurteilung war sicher ihr Einsatz für die Rechte der Frau, der als unerwünschte Einmischung in die den Männern vorbehaltene Politik gewertet wurde.

Bertha von Suttner Bertha Sophia Felicita Freifrau von Suttner geborene Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau wurde am 9. Juni 1843 in Prag in eine böhmische Adelsfamilie geboren. Der Vater starb vor ihrer Geburt. Sie wuchs im aristokratischen Umfeld der österreichisch-ungarischen k.u.k.-Monarchie auf, lernte mehrere Sprachen, beschäftigte sich mit Musik und reiste viel. Die Familie verarmte, und sie musste eine Stelle als Gouvernante in der Familie des Freiherrn Karl von Suttner in Wien annehmen, wo sie und der sieben Jahre jüngere Sohn der Familie, Gundaccar, sich ineinander verliebten. Seine Eltern waren gegen diese Verbindung, doch söhnten sie sich aus, als das junge Ehepaar nach einem achtjährigen Aufenthalt in Georgien nach Wien zurückkehrte. Beide waren journalistisch tätig, Bertha, die Verbindung zur „International Arbitration and Peace Association“ hatte, verschrieb sich dem Pazifismus. Ihr 1889 veröffentlichter Roman „Die Waffen nieder“ erregte großes Aufsehen in einer Gesellschaft, die zu dieser Zeit in heftigen Diskussionen über den Militarismus und den Krieg begriffen war. Sie definiert Frieden als naturrechtlich verbürgten Normalzustand, dem der Krieg als eine Folge menschlichen „Irrwahns“ gegenüberstehe. Dadurch wird das Recht auf Frieden völkerrechtlich einforderbar. Anlässlich des Weltfriedenskongresses 1891 in Rom wurde sie zur Vizepräsidentin des Internationalen Friedensbüros gewählt und gründete 1892 die Deutsche Friedensgesellschaft. Auch wandte sie sich gegen Tierversuche. 1899 war sie an den Vorbereitungen zur Ersten Haager Friedenskonferenz beteiligt, im Juni 1904 gehörte sie zu den bedeutendsten Teilnehmerinnen der Internationalen Frauenkonferenz in Berlin. Außerdem reiste sie zum Weltfriedenskongress in Boston, hielt viele Vorträge in den USA und wurde sogar von Präsident Theodore Roosevelt ins Weiße Haus eingeladen. Die „Friedens-Bertha“, wie sie etwas abfällig von deutschnationalen Kreisen genannt wurde, kam ganz begeistert aus den USA zurück, da die Friedensbewegung dort schon wesentlich weiter fortgeschritten schien als in Deutschland. Am 10. Dezember 1905 erhielt sie den von ihr angeregten Friedensnobelpreis. Ab 1912 machte sie auf die Gefahr eines internationalen Vernichtungskrieges aufmerksam, und wenige Wochen vor Beginn dieses Krieges, am 21. Juni 1914, erlag sie einem Krebsleiden. Für den Herbst 1914 war der nächste Weltfriedenskongress vorgesehen, er hätte in Wien stattfinden sollen! Text: Toni Sauer

Literatur: Doormann: Ein Feuer brennt in mir. Die Lebensgeschichte der Olympe de Gouges. 1993; Bertha von Suttner in: I. Hildebrandt: Große Frauen. 2008; M. Gallo: „Ich fürchte mich vor gar nichts mehr“. Rosa Luxemburg. 1998; D. Dath: Rosa Luxemburg. (Suhrkamp Basisbiografie) 2010.

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