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„Pretzeln“

Aus der 875 North Michigan Avenue (John Hancock Center) hat man einen fantastischen Blick auf die City und den Michigansee. In d
Aus der 875 North Michigan Avenue (John Hancock Center) hat man einen fantastischen Blick auf die City und den Michigansee. In dem 344 Meter hohen Gebäude befindet sich auch die Aussichtsebene mit den sich nach außen neigenden Fenstern.Foto: Imago

Wir verkaufen mehr Brezeln als irgendetwas anderes“, sagt Mark Steuer, der im Westen von Chicago seit dem Jahr 2018 das „Funkenhausen“ betreibt. Es gilt als eines der besten und angesagtesten Restaurants der Stadt. Zur großen „Pretzel“, wie man die Brezel hier schreibt, serviert er eine hausgemachte Knoblauch-Vinaigrette, in die das Laugengebäck getunkt wird. Man fragt sich, warum man in Deutschland diese Kombination vergeblich sucht. Es schmeckt köstlich. Dazu ein deutsches Bier vom Fass - und schon sind die meisten Gäste zufrieden.

Der Name des Restaurants leitet sich vom Wort „funky“ ab, also „ausgefallen“ oder „flippig“. So sieht der 38-jährige Chef das Konzept: „Mein Restaurant ist ein bisschen verrückt und funky.“ Der große Raum mit der Deckenkonstruktion aus Holz soll ganz bewusst eine deutsche Bierhalle oder ein Bierzelt andeuten. Die Einrichtung ist modern und erinnert mit vielen Details wie einer Kuckucksuhr, einem Straßenschild, das den Weg nach Stuttgart weist, oder einem Hirschgeweih augenzwinkernd auf die deutschen Wurzeln von Mark Steuer.

Sein Vater ist in Lindau am Bodensee geboren, und beide Großeltern mütterlicherseits stammen aus Deutschland. Mark Steuer hat Cousins in Heidenheim und war selbst schon häufig in Deutschland zu Besuch. So verwundert es nicht, wenn man im „Funkenhausen“ neben Ayinger Bier auch Oktoberfestbier oder Maisel’s Hefeweizen vom Fass bekommt.

Auf der Weinkarte findet man einen deutschen Riesling oder Dornfelder. Die raffinierten und frisch zubereiteten Speisen sind aber auch inspiriert von der Küche seiner Kindheit in Charleston im US-Bundesstaat South Carolina. Mark Steuer ist Autodidakt, durch „ganz viel Arbeit und viel Lesen“ hat er sich die Kunst des Kochens selbst beigebracht. Das wissen nicht nur seine deutschen Gäste zu schätzen, weshalb sich eine Reservierung immer empfiehlt. Sein Restaurant konnte nach der coronabedingten Schließung wieder in voller Besetzung durchstarten, sagt der Chef. Nun bekommt man in dem Gebäude aus den 1920er Jahren in der 1709, West Chicago Avenue neben exzellenter Küche auch wieder deutsches Bier vom Fass in Bierkrügen, den sogenannten Steins, oder - wer gerne Aufmerksamkeit auf sich zieht - im Glasstiefel.

Deutsche Kultur in Form von Bier und Essen findet man an vielen Ecken auch in der Innenstadt - im Loop, wie die Einheimischen diesen Bereich nennen. Der Loop bezeichnet die Schleife, die die Hochbahn in Chicagos Banken- und Einkaufsviertel fährt. Es ist nach Manhattan der zweitgrößte Geschäftsbezirk in den USA. Schnitzel mit Kartoffelsalat bekommt man beispielsweise im „The Berghoff Restaurant“. ­ Der Familienbetrieb wird seit 1898 in der mittlerweile vierten Generation betrieben. Und in der Bäckerei „Hannah’s Bretzel“, die mit acht Filialen im Stadtzentrum vertreten ist, gibt es allerlei Laugengebäck. Sie beliefern auch das „Funkenhausen“.

In Chicago, der Metropole im Bundesstaat Illinois, kann man sogar Dirndl und Lederhosen kaufen, um damit eines der Chicagoer Oktoberfeste zu besuchen. Das damalige wie heutige Zentrum der „Germantown“ ist der Lincoln Square mit zahlreichen deutschen Lokalen und Geschäften - mit der Hochbahn knapp 45 Minuten weit vom Zentrum entfernt im Norden der Stadt. Die Deutschen haben sich seinerzeit dort angesiedelt, weil es damals noch große Flächen gab, die landwirtschaftlich bebaut werden konnten. Die Auswanderer haben in Chicago genauso Getreide und Gemüse angebaut wie einst in der deutschen Heimat.

Am Lincoln Square findet man auch das Modegeschäft „Fashions by Ingrid“. Die Inhaberin verkauft seit dem Jahr 1978 in der Lincoln Avenue Trachten. Ingrid erzählt, dass viele ihrer amerikanischen Kunden sich bei ihr für das Münchner Oktoberfest einkleiden. Aber natürlich zählen auch Deutsche, die in Chicago leben, zu ihren Stammkunden.

Nimmt man downtown die braune Linie der U-Bahn und steigt an der Haltestelle Western aus, so begrüßt dort ein Stück Berliner Mauer die Fahrgäste. Draußen steht in der entsprechenden Jahreszeit ein riesiger Maibaum, an der nächsten Einmündung zur Lincoln Avenue füllen deutsche Wurstwaren und

andere deutsche Lebensmittel die Auslagen. Leibniz-Kekse sind besonders beliebt - der Butterkeks hat bereits im Jahr 1893 bei der Weltausstellung in Chicago die Goldmedaille für seinen „feinen Buttergeschmack“ erhalten.

Die Deutschen gehörten im Jahr 1870 zur größten ethnischen Gruppe in Chicago. Nach den Iren, die schon seit den 1840er Jahren nach Chicago einwanderten, kamen die „Germans“. Schätzungen zufolge leben auch heute noch etwa eine halbe Million Menschen mit deutschen Wurzeln in Chicago. Mit 2,7 Millionen Einwohnern ist Chicago nach New York und Los Angeles die drittgrößte Stadt der USA.

Im „DANK-Haus“, dem deutsch-amerikanischen Kulturzentrum, das ebenfalls am Lincoln Square angesiedelt ist, mutet die Präsentation deutscher Kultur etwas altmodisch an. Neben der Dauerausstellung befinden sich riesige Festsäle mit Bierzapfanlagen in dem großen Gebäude. Zu manchen Treffen würden ältere Herren in Tracht erscheinen, Frauen seien bis heute nicht bei diesen Zusammenkünften zugelassen, verrät die Museumsleiterin.

Sogar die Architektur Chicagos mit ihren verschiedenen Stilrichtungen ist von einigen namhaften deutschen Architekten geprägt. Da die meisten Gebäude in der Innenstadt 1871 bei dem großen Brand zerstört wurden, bot sich den Architekten in Chicago die Möglichkeit, neues technisches Know-how für den Bau von Wolkenkratzern anzuwenden. 1939 gründete der frühere Bauhaus-Leiter Ludwig Mies van der Rohe sein Architekturbüro in Chicago, später folgte ihm der kürzlich verstorbene Helmut Jahn, der eine Niederlassung und einen Wohnsitz in Chicago hatte. Jahn kooperierte mit dem Stuttgarter Architekten und Ingenieur Werner Sobek, um Architektur und Ingenieurbaukunst zusammenzuführen. Ein Highlight ist daher die Bootsfahrt auf dem Chicago River, bei der man bedeutende Bauwerke der Stadt bestaunen kann.

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