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„Prüfen, wo wir verletzlich sind“

Interview Kirchheims Oberbürgermeister Pascal Bader spricht über neue Aufgaben angesichts wachsender Gefahren durch Unwetter. Die Stadt bereitet erstmals einen Katastrophenplan vor. Von Bernd Köble

Unwetter, verursacht beispielsweise durch diese Gewitterzelle am 23. Juni über Kirchheim, häufen sich.Foto: Markus Brändli
Unwetter, verursacht beispielsweise durch diese Gewitterzelle am 23. Juni über Kirchheim, häufen sich.Foto: Markus Brändli

Die Bilder der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands haben aufgeschreckt. Welche Lehren Kommunen daraus ziehen müssen und welche Möglichkeiten es gibt, sich davor zu schützen, wollten wir von Kirchheims Oberbürgermeister Pascal Bader wissen.

Herr Bader, Sie sind als ehemaliger Referent im Umweltministerium ein Fachmann bei dem Thema. Was nehmen Sie nach den verheerenden Unwettern der vergangenen Tage und Wochen als Stadtoberhaupt an Aufgaben mit?

Pascal Bader: Es bewahrheitet sich jetzt, was Klimaexperten ja schon lange vorhergesagt haben. Für uns als Kommune bedeutet das, dass wir ganz genau prüfen müssen, wo sind wir besonders verletzlich. Das betrifft sowohl das Thema Hochwasser wie auch das Thema Hitze. Beides wird in Zukunft zunehmen.

Gibt es für Kirchheim denn so etwas wie eine Gefahren- und Risikokarte?

Bader: Wir haben ein Ingenieurbüro beauftragt, das uns in Kürze solche Karten wird vorlegen können. Das befindet sich gerade im Endstadium. Wir können dann ganz genau schauen, wo in Kirchheim die Brennpunkte liegen. In Lindorf und Ötlingen sind die Gefahren bei Starkregen sicher am größten. Lindorf liegt ja in einer Art Kessel, wo von allen Seiten das Wasser zuläuft. Wenn wir genau wissen, wo die größten Risiken liegen, müssen wir schauen, welche zusätzliche Maßnahmen nach dem Wissen von heute erforderlich und möglich sind. Erste Maßnahmenvorschläge wollen wir mit Bauhof, Gewässerexperten und Ingenieurbüros bis spätestens Oktober dieses Jahres erarbeiten. Das werden übergeordnete Maßnahmen sein, die die Kommune ergreifen muss, wie Gräben, Aufschüttungen und Schutzmauern. Was wir nicht wollen, ist dass jeder für sich selbst Vorsorge trifft.

Wie sieht es mit der Eigenverantwortung privater Grundbesitzer aus?

Die öffentliche Hand wird nicht alles lösen können. Wenn es darum geht, Rückstauklappen zu installieren oder Kellerschächte höher zu setzen, sind auch Privateigentümer gefordert. Es gibt auch Kellerfenster, die sind bruchsicher bei Überschwemmungen. Vorsorge in besonders gefährdeten Bereichen wird auch künftig eine Aufgabenteilung sein. Wir wollen dabei aber Unterstützung anbieten, etwa in Form von Beratung.

Wie muss die städtische Bauleitplanung erwartbaren Szenarien künftig Rechnung tragen?

Bei der Neuausweisung von Flächen müssen Risikopotenziale natürlich ganz genau angeschaut werden und es muss überlegt werden, ob an dieser Stelle überhaupt bebaut werden kann und falls ja, unter welchen Vorkehrungen.

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung rät Kommunen dringend dazu, Flächen zu entsiegeln. In den Rathäusern in Kirchheim und Dettingen versucht man die Bevölkerung gerade davon zu überzeugen, dass ein neues, 21 Hektar großes Gewerbegebiet ein wichtiger Schritt in die Zukunft sei. Wie passt das für Sie zusammen?

Ich denke, man muss dabei den Gesamtzusammenhang betrachten. Wenn man schaut, woran liegt es, dass es solche Wetterphänomene gibt, dann ist klar, das sind Kennzeichen des Klimawandels. Also, was kann man dagegen tun? Zunächst einmal CO2-Emissionen reduzieren. Das betrifft Industrie, Haushalte und Verkehr. Es braucht also auch Flächen, um diese Technologien herstellen zu können. Jede Neuausweisung von Gewerbegebieten bedeutet natürlich zusätzliche Flächenversiegelung. Das ist so. Die Vorgaben sind aber auch so, dass nur noch ganz geringe Mengen Oberflächenwasser abfließen dürfen aus so einem Gebiet. Der Großteil muss auf dem Gelände versickern können.

Technische Entwässerungssysteme sind nur begrenzt erweiterbar. Welche Alternativen sehen Sie, um Gewässer und Kanalisation zusätzlich zu entlasten?

Ich gebe Ihnen recht, unsere Kanalisation ist nicht auf solche Stark­regen-Ereignisse ausgelegt. Die einzige Möglichkeit besteht darin, mehr Wasser auf natürliche Weise versickern zu lassen. Bei privaten Grundstücken gibt es ja schon seit einigen Jahren die gesplittete Abwassergebühr. Die besagt, je weniger ihr auf eurem Grundstück versiegelt durch Bodenbeläge oder Dachflächen, des­to kostengünstiger. Bei größeren Flächen braucht es entsprechende Baumaßnahmen. Beim Bau der Eduard-Mörike-Halle in Ötlingen beispielsweise haben wir ein Regenrückhaltebecken von Beginn an mitgeplant. Flächendeckend die Kanalisation zu erweitern, das wird sicher nicht machbar sein. In Hanglagen sind es oft Kleinigkeiten, die einen Beitrag leisten können. Was ich in Lindorf erfahren habe, ist, dass dort Äcker früher so bewirtschaftet wurden, dass man die Furchen nicht von oben nach unten gezogen hat, sondern quer. Eine ganz einfache Maßnahme, um Wasser zurückzuhalten.

Muss kommunales Krisenmanagement nach all dem, was man in den vergangenen Tagen gesehen hat, völlig neu diskutiert werden?

Wir haben das zum Anlass genommen, zügig einen sogenannten Katastrophen- und Alarmplan in Auftrag zu geben. Das heißt, dass wir für verschiedenste Ereignisse wie Hochwasser, Brände oder auch Stromausfall eine klare Handlungsanweisung haben. Wer hat was zu tun und wie läuft die Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen.

Man sollte annehmen, das habe es bisher schon gegeben?

Das wurde oft diskutiert, aber klar dokumentiert gibt es das auf unterer kommunaler Ebene tatsächlich noch nicht. Deshalb ist es dringend notwendig, dass es so etwas für die Gesamtstadt gibt. Ein Plan, der das Zusammenspiel von Feuerwehr, Polizei, Rettungsdiensten und Bauhof regelt. Bisher hat das auch so gut funktioniert. Auch zuletzt am 24. Juni. In einem Katrastrophenfall bleibt aber keine Zeit, zu überlegen und zu diskutieren. Da ist es wichtig, dass Abläufe vorher klar dokumentiert sind.

Ist die Feuerwehr für größere Unwetter überhaupt gewappnet?

Ich habe den Eindruck, dass die Feuerwehr in der Hinsicht sehr gut ausgerüstet und auch ausgebildet ist. Wo die Feuerwehr technisch an Grenzen stößt, hat die Zusammenarbeit mit dem Technischen Hilfswerk meines Wissens immer gut funktioniert. Mir wurde bisher jedenfalls nichts zurückgemeldet, dass es in irgendeinem Bereich Schwierigkeiten gegeben hätte.

Ursachen für Unwetterkatastrophen sind nicht immer lokal. Wie wichtig ist es, dass Kommunen bei der Vorsorge zusammenarbeiten?

Das ist sicher wichtig, dass man mit seinen Überlegungen nicht an den Gemarkungsgrenzen Halt macht. Wasser kommt ja oft von weit her. Mit Dettingen beispielsweise sind wir im Moment im Austausch bei der Regenrückhaltung oder auch bei der Renaturierung von Bächen.

Zum Schluss noch eine ganz persönliche Frage. Sie sind Familienvater. Wie groß ist Ihre Furcht vor den Folgen des Klimawandels für künftige Generationen?

Furcht, würde ich sagen, habe ich keine, aber ich mache mir Sorgen. Weil ich denke, dass unsere Kinder eine andere Welt erleben werden, als wir sie unser ganzes Leben lang hatten. Die werden lernen müssen, mit solchen Extremen umzugehen. Das wird nicht einfacher, sondern eher schwieriger werden.

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