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Radikal sinnlos

Dezemberlicht am Albtrauf, bei Bissingen, Breitenstein, 10.12.2019, Dieter Ruoff
Dezemberlicht am Albtrauf, bei Bissingen, Breitenstein, 10.12.2019, Dieter Ruoff

Manchmal erscheint mir alles um mich herum sinnlos. Dann kann ich mit der Welt und mir selbst nichts anfangen. Alles um mich herum zieht in bedeutungslosem Schwarz und Weiß an mir vorbei. Nicht so ein stylisches „Schwarz-Weiß“ wie auf den Plakaten, die überlebensgroß Werbung für Parfums oder Unterwäsche machen, sondern so ein Grauschimmer, wie er sich auf die Landschaft und das Gemüt legt, wenn die Dämmerung einbricht und es den ganzen Tag durchgeregnet hat. Nie so richtig, aber immer ein bisschen, gerade so viel, dass man es nicht aus dem Haus geschafft hat. Da sitze ich dann, blättere zum vierten Mal das Angebotsblatt eines Baumarktes durch.

Vieles erscheint mir in solchen Momenten radikal sinnlos: dieser Tag, meine Arbeit, mein ganzes Tun und Lassen. ­Jeder gut gemeinte Versuch des Trostes, jedes „Kopf hoch, das wird schon wieder!“ fühlt sich falsch an. Ich fühle mich unverstanden, nicht ernst genommen. Wenn es so einfach wäre, dieses „Kopf hoch!“, dann hätte ich heute beim Baumarkt, dessen Angebotsblatt ich inzwischen zum siebten Mal anschaue, einen Setzkasten und Samen für eine Sommerblumenwiese gekauft.

Dieses Gefühl von Leere hat einen Platz: Karfreitag. Den Jüngerinnen und Jüngern erging es nach Jesu Tod wohl ähnlich. Ich weiß nicht, ob es im Paläs­tina der 40er-Jahre auch solche Regentage gab, Sofas und Baumarktprospekte sicher nicht. Aber ich kann mir den Grauschleier auf ihrem Leben ziemlich gut vorstellen.

Oft genug ist mein persönlicher Karfreitag nicht im Frühjahr, oft genug dauert die Zeit, in der ich alles sinnlos empfinde, länger als die drei Tage von der Kreuzigung bis zur Auferstehung. In unserem Leben, auf dieser Welt muss manches unvollendet bleiben, manches bleibt fragmentarisch, manches sinnlos. Ein Trost ist mir in solchen Momenten nicht immer die befreiende Osterbotschaft, sondern die Gewissheit, dass ich mit den Scherben meiner Gedanken einen Platz habe in der Geschichte, die Gott mit uns schreibt.

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