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Raubkunst oder legal erworben?

Geschichte Woher stammen die afrikanischen Masken der Sammlung Domnick und auf welche Weise sind sie ins Land gekommen? Diesen brisanten Fragen geht Vera Romeu nach, die die Sammlung leitet. Von Corinna Meinke

Vera Romeu zeigt links eine Pende-Maske, rechts ein Dan-Maske. Foto: Horst Rudel
Vera Romeu zeigt links eine Pende-Maske, rechts ein Dan-Maske. Foto: Horst Rudel

Welche Rolle spielt ein Kunsthändler namens Heinrich, bei dem das Stuttgarter Ärztepaar Ottomar und Greta Domnick in den Jahren 1938 bis 1940 in Bad Cannstatt afrikanische Masken erwarb? Wie gelangte er in Besitz der Masken und woher stammen sie? Diesen Fragen möchte Vera Romeu auf den Grund gehen. Die Leiterin der Sammlung mit Sitz in Nürtingen-Oberensingen beschreibt die 15 Masken als essenziellen Bestandteil der Sammlung Domnick. Darunter befinden sich Masken der Senufo, der Baoulé, Dan-, Guro- und Dogon-Masken aus den Ländern südlich der Sahara.

Weil es während der Nazi-Diktatur nicht möglich war, moderne, abstrakte Kunst zu kaufen, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt worden war, entschied sich das Sammlerpaar Domnick für den Erwerb dieser afrikanischen Masken. Nicht als Ersatz, sondern als ebenbürtige Werke, versichert Vera Romeu. „Sie wollten damit ihren ­Hunger nach Kunst stillen“ kommentiert die empirische Kulturwissenschaftlerin die Entscheidung. Zumal Domnicks der Zusammenhang von afrikanischen Kultobjekten und der Entstehung der europäischen Moderne bekannt gewesen sei.

Neue Formensprache gesucht

So hatten sich Künstler wie Picasso, Matisse, Braque, Kirchner und Nolde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Suche nach einer neuen Formensprache vor allem mit der formalen Ästhetik der afrikanischen Skulpturen und Masken auseinandergesetzt. In der Folge entwickelte sich als Gegenentwurf zur akademischen Maltradition der europäische Kubismus. Die religiösen und sozialen Aspekte der Objekte, wie sie die Künstler beispielsweise im Ethnologischen Museum Paris, dem Musée du Quai Branly und im British Museum London für sich entdeckten, interessierten damals allerdings genauso wenig wie die Frage, wie diese Gegenstände in europäische Hände gelangt waren. Das ist heute anders. Die Fragen rund um Herkunft, Aneignung und Rückgabe stehen im Zentrum der europaweiten Postkolonialismusdebatte. Ein Auslöser war die Rede des französischen Premierministers Emmanuel Macron im Jahr 2017 in Burkina Faso, in der er gefordert hatte, alle Exponate so schnell wie möglich zurückzugeben.

Und in Nürtingen fragt sich Vera Romeu nun: „Sind diese Masken lediglich sogenannte Touris­tenware oder sind es authentische Kultobjekte? Dann wären sie mit Druck oder Gewalt erworben worden.“ Die Monate des Lockdowns hat die Wissenschaftlerin für ihre Recherchen genutzt und sich in der Bibliothek des Stuttgarter Lindenmuseums vor allem auch mit der Kultur der jeweiligen ethnischen Gemeinschaften beschäftigt, denen die Nürtinger Masken zugeschrieben werden. Als empirische Kulturwissenschaftlerin sei für sie die Provenienzforschung, die die Herkunft ergründet, ein zentrales Thema. Dabei ist Romeu auf faszinierende kultur­historische, soziologische und reli­giöse Inhalte gestoßen. Diese möchte sie in einer ersten Sonderführung in der Sammlung Domnick von Mitte September an präsentieren. Und in einer zweiten Führung wird Romeu dann präziser den Kolonialismus, den Raub der Kulturgüter und die Fragen der Restitution thematisieren.

„Ich denke, es ist an der Zeit, mit den afrikanischen Gemeinschaften und Kollegen ins Gespräch zu gehen und über die dunkle Zeit des Kolonialismus zu sprechen. Auch über Restitution und Ausleihen“, sagt Vera Romeu. „So würde sich eine Normalität der Museumsarbeit auf Augen­höhe entwickeln“, so die Hoffnung der Leiterin der Sammlung Domnick, die parallel zum Schriftenstudium auch Kontakte zu afrikanischen Studentinnen und Studenten aufbaut.

Unter dem Titel „Afrika: Von Maske zu Maske“ bietet die Leiterin der Sammlung Vera Romeu eine Sonder­führung am Mittwoch, 15. September, um 19 Uhr an. Anmeldungen sind ­möglich unter der Nummer 0 70 22/5 14 14 oder per E-Mail an ­stiftung@domnick.de.

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